Wer bestimmt, was modern ist? Welche Rolle spielen Influencer und Modeblogger heute in der Modefotografie?

Modejournale haben in den letzten Jahren Konkurrenz bekommen: Blogger und Influencer setzen sich mit Fotos gekonnt in Szene. Doch ist das Modefotografie, was sie machen? Susanne Ostwald, Professorin für Mode an der Burg Giebichenstein, gibt Auskunft über die Bedeutung von Fotografie für die zeitgenössische Mode im digitalen Zeitalter.

Models auf der Straße
Models und Modeblogger auf dem Weg zu einer Modenschau. Bildrechte: imago images/Pacific Press Agency

Mit Chiara Ferragni fing alles an: 2009 gründete die Italienerin ihr Modeblog theblondesalad". Sie postete Fotos von sich selbst in Outfits, die sie selbst zusammenstellte. Ferragni hatte Erfolg. 2015 war sie die erste Modebloggerin, die auf dem Titel der Vogue erschien. Heute sitzt sie bei Modeschauen in Paris, Mailand oder New York in der ersten Reihe.

Hier kommen Sie zum Instagram-Auftritt von chiara Ferragni

Modeblogger und Influencer wie Chiara Ferragni üben heute vermehrt den Job von Modemagazinen aus, sagt Susanne Ostwald, Modeprofessorin an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein: "Zum Einen werden Produkte vorgestellt und angepriesen: Modemagazine arbeiten mit den Herstellern zusammen, da diese einen Großteil der Finanzierung übernommen haben. Gleichzeitig sind Modemagazine auch dazu da gewesen, den Zeitgeist auszudrücken, Freiraum für Künstler zu schaffen, um diesen Ausdruck finden zu können und zusätzlich auch den Kunden befriedigen zu können und ihm Dinge zu empfehlen, die sie für gut befinden und schon ausprobiert haben oder Trends zu präsentieren."

Neue Vorstellungen von Schönheit

Chiara Ferragni
Chiara Ferragni Bildrechte: imago/Runway Manhattan

Manche Blogger und Influencer beschäftigen sich nur damit, Produkte zu bewerben, sagt Ostwald, die aus Leipzig stammt, selbst an der Burg studiert hat und zehn Jahre lang ein eigenes internationales Modelabel führte. Es gebe aber auch Blogs, die Gegenpole zum bestehenden System bilden, die neue Vorstellungen von Schönheit oder Inszenierungen zeigen. Die klassische Modefotografie aber haben sie nicht sehr verändert, so Ostwald.

Ich glaube, Instagram und die Bilder, die da entstehen, sind ähnlich wie Twitter: Das sind Skizzen, kleine wahnsinnig schnell aufeinander folgende Momente, die direkt verdrängt werden von den nächsten zehntausend Momenten, die existieren. Dementsprechend müssen diese Fotografien gar nicht diese Wertigkeit haben.

Susanne Ostwald, Modeprofessorin an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein

"Diese Fotografien sind zur schnellen direkten Kommunikation gedacht. Aber das ist nicht Modefotografie in dem Sinn von jahrzehntelangen Karrieren", sagt Ostwald.

Kunst an der Schnittstelle von Portrait, Stillleben und Plakat

Julianne Moore
Julianne Moore, fotografiert von Peter Lindbergh. Bildrechte: dpa

Große Modefotografen und Fotografinnen wie Helmut Newton, Peter Lindbergh, David LaChapelle, Annie Leibovitz oder Ellen von Unwerth sind mehr als nur Bilderproduzenten. Sie machen Kunst an der Schnittstelle von Portrait, Stillleben und Plakat. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird das auch anerkannt und Modefotografie in Museen und Galerien ausgestellt.

Eine gute Modefotographie erzählt immer mehr als die einzelne Komponente von Model, Kleidungsstück und Umgebung. Sie erzählt uns etwas über unsere Zeit, über kulturelle Tektonik, über Bedeutungsverlagerungen, sie erzählt uns etwas über die menschliche Verfassung. Wirklich gute Modefotografie wird eines Tages als Zeitzeuge Klassiker werden können.

Susanne Ostwald, Modeprofessorin an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Modefotografie an der Burg Giebichenstein

Modefotografie als Kunstform wird auch an der Burg Giebichenstein gelehrt. Die künftigen Modedesigner und Designerinnen - 90 Prozent der Studierenden sind weiblich! - erlernen nicht nur die Grundlagen der Fotografie. Im vierten Studienjahr gibt es ein gemeinsames Projekt mit der berühmten Ostkreuzschule aus Berlin, bei denen die Abschlussarbeiten gemeinsam in Szene gesetzt werden. Dabei entstehen experimentelle und künstlerische Arbeiten, so Susanne Ostwald: "Die Studierenden müssen kein Produkt verkaufen. Die dürfen spielen, die dürfen ausprobieren, in dem Fall von der Zusammenarbeit mit der Ostkreuzschule stoßen zwei starke künstlerische Standpunkte aufeinander, aus diesem Zusammentreffen entstehen sehr spezielle interessante Bildstrecken."

Hier kommen Sie zum Instagram-Auftritt der Burg Giebichenstein

Davon kann man sich übrigens selbst ein Bild machen: Denn auch die Kunsthochschule Burg Giebichenstein hat einen eigenen Instagram Account: Mit Fotografien der legendären Burg-Modenschauen und Schnappschüssen von Burg-Studierenden. 

Mehr zum Thema Fotografie

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. März 2020 | 18:05 Uhr