Preisträgerinausstellung LVZ-Kunstpreis im MdbK Was eine Nachwende-Schrankwand von Henrike Naumann über den Osten erzählt

Henrike Naumann wurde mit dem Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung ausgezeichnet. Geboren in Zwickau, gilt die Künstlerin im Jubiläumsjahr des Mauerfalls als Shooting-Star der Kunstszene. Das Magazin "Monopol" ermittelte die Künstlerin gar auf Platz 11 seiner Liste der bedeutendsten Persönlichkeiten der Kunstwelt. Am Freitag eröffnet die Preisträgerausstellung für Henrike Naumann im Leipziger Bildermuseum. Ein lesenswerter und interessant gestalteter Katalog ist bei dem Leipziger Verlag Spector Books erschienen.

Henrike Naumann
Henrike Naumann vor einer ihrer Schrankwand-Kunstwerke Bildrechte: dpa

Es ist so kuschlig, wie es in einer DDR-Neubauwohnung nur sein kann. Wohlgemerkt in einer aus den 90er-Jahren, als die Hinterlassenschaften des DDR-Staates entsorgt wurden - und die Möbel gleich mit. Mancher wird sicher denken, dass es in DDR-Neubauwohnungen nie gemütlich war. Ein Eindruck, den der etwas zugige Ausstellungsraum im Leipziger Bildermuseum, der eigentlich eine Eingangshalle ist, verstärkt. Das liegt durchaus in der Intention von Henrike Naumann. Die Installationskünstlerin stellt mit ihren gesellschaftsanalytischen Nachwende-Möbelarrangements die Frage: Warum die Ostdeutschen so wurden, wie sie heute sind:

Warum wählen die Leute AfD, was passiert in Sachsen, was passiert im Osten? Warum ich das auch nicht erklären kann, aber ich eine Sprache finden will, um über diese komplexen Vorgänge zu sprechen.

Henrike Naumann, Künstlerin

Und weiter führt die Künstlerin aus: "Was gerade passiert, ist, dass man den Ostdeutschen plötzlich so exotisiert und verstehen will und wissen will: Was machen die Leute? Das ist für mich in der Ausstellung auch so ein Versuch, das so ein bisschen zurückzuschmettern und zu sagen, das sind jetzt nicht solche Leute, die man so einfach ethnologisch betrachten und erklären kann, sondern das sind alles komplexe Biografien."

Traueraltar Deutsche Einheit, 2018
Henrike Naumann: Traueraltar Deutsche Einheit, 2018 Bildrechte: Henrike Naumann, Traueraltar Deutsche Einheit, 2018, mixed media installation, exhibition view Museum Abteiberg, Photo by Achim Kukulies, Düsseldorf, Courtesy the artist and KOW Berlin

Via Lewandowsky schlug Nauman für den Kunstpreis vor

Fun 2000, 2018
Henrike Naumann: Fun 2000, 2018 Bildrechte: Henrike Naumann, Fun 2000, 2018, mixed media installation, exhibition view Museum Abteiberg, Photo by Achim Kukulies, Düsseldorf, Courtesy the artist and KOW Berlin

Henrike Naumann fürchtet zu Recht Ossi-Klischees, obwohl sie, 1984 in Zwickau geboren, dieser Tage mit Hitler-Frisur durch die Lande tourt. Zuvor studierte Naumann Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Bildende Künste Dresden als auch Szenografie an der Filmuniversität Babelsberg. Die Auseinandersetzung mit Politik begann für die Künstlerin mit dem Bekanntwerden des NSU. Ihre DDR-Nachwendeinterieurs arrangiert Henrike Naumann für jede ihrer Ausstellungen neu. Etwa jene schwarz-gelackte, obeliskenartige Anbauwand mit integrierter Hausbar, für den nunmehr mondänen Lebensstil, die viele Ostdeutsche in ihren Wohnzimmern aufstellten, als sie vor 30 Jahren die DDR-Schrankwand entsorgten. Dazu gesellten sich häufig wildgemusterte Sessel, gern mit lila im Bezug, zudem eckige Teller und Tassen. Es war der Stil des "Memphis"-Designs, der ein Jahrzehnt zu spät im Osten angekommen war. Mit "Memphis" ließ sich wunderbar die DDR-Vergangenheit verdrängen. Der Künstler Via Lewandowsky schlug Henrike Nauman für den Kunstpreis vor. Als erster LVZ-Kunstpreisträger aus dem Jahr 1994 ist er heute Mitglied der Jury:

Das ist eine sehr radikale Position, die unglaublich unkonventionell auch gegenüber den unausgesprochenen Vereinbarungen in der Kunstwelt agiert. Und sie führt damit eine ganz neue ästhetische Qualität ein, die nicht jedem gefällt. Ich muss auch ehrlich sagen, es sieht alles auch wirklich extrem 'grottig' und wirklich schlimm aus. Aber genau das ist es.

Via Lewandowsky, Mitglied der LVZ-Kunstpreis-Jury

Platz 11 auf der Monopol-Top-100-Liste der Kunstwelt

Das Reich, 2018
Henrike Naumann: das-reich-100 Bildrechte: Henrike Naumann, Das Reich, 2018, mixed media installation, exhibition view Museum Abteiberg, Photo by Achim Kukulies, Düsseldorf, Courtesy the artist and KOW Berlin

Für Henrike Naumann ist das Jahr 2019 zur ihrem Erfolgsjahr geworden: Erst erhielt sie den Max-Pechstein-Preis der Stadt Zwickau, nun auch den LVZ-Kunstpreis. Die Kunstsammlungen Chemnitz kauften eben erst eine Installation von Naumann an. Das Magazin "Monopol" ermittelte die Künstlerin gar auf Platz 11 seiner Liste der bedeutendsten Persönlichkeiten der Kunstwelt. Parallel zur Ausstellung im Leipziger Bildermuseum bestreitet Naumann auch Sonderschauen im "Haus der Kunst" in München als auch im Belvedere in Wien. Was alles auch mit dem richtigen Zeitpunkt zusammenhängt, sagt Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig.

Es geht ja darum, einfach genauer über diese Zeit, diesen gesellschaftspolitischen Diskurs nachzudenken. Des allerdings aus der Perspektive der Gegenwart, die einen sehr spannenden Rückblick erlaubt. Und ich denke, 30 Jahre nach dem Mauerfall, nach der Friedlichen Revolution, ist das ein sehr kontemporäres Werk, das hier im Museum der bildenden Künste zu sehen ist.

Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste Leipzig
Fun 2000, 2018
Henrike Naumann: Fun 2000, 2018 Bildrechte: Henrike Naumann, Fun 2000, 2018, mixed media installation, exhibition view Museum Abteiberg, Photo by Achim Kukulies, Düsseldorf, Courtesy the artist and KOW Berlin

Dass die Ausstellung im Leipziger Bildermuseum etwas sehr karg ausfällt, ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass sich Henrike Naumann dieser Tage schier zerteilen könnte, um das Interesse an ihren Möbelinstallationen zu befriedigen. Da hatte man, in den Kunstsammlungen Zwickau, anlässlich des Pechstein-Preises, etwa eine liebvollere Installation gesehen. Mit Familienportraits aus den Fünfzigern und Sechzigern in realsozialistischem Stil von ihrem Großvater Karl Heinz Jakob aus Zwickau, was Naumanns Möbel-Gesellschafts-Aufstellung einen besonders schönen Bruch versetzte. Die Leipziger Schau zeigt leider "nur" ein naives Portrait von Birgit Breuel. Aber das Konterfei "unserer Treuhand-Birgit" ist sicherlich auch dazu angetan, komplett Ahnungslosen zu erklären, was manchen Ossi auf die Palme, sprich, in die Radikalisierung trieb.

Informationen zur Ausstellung Henrike Naumann.2000
Preisträgerinausstellung LVZ-Kunstpreis
Dauer: bis 15. März 2020

Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Öffnungszeiten
Mo: geschlossen
Di, Di-So: 10:00-18:00Uhr
Mi: 12:00-20:00 Uhr
Feiertage: 10:00-18:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Dezember 2019 | 10:15 Uhr