Zum 50. Todestag Paul Celan und seine Schwierigkeiten mit anderen Schriftstellern

Helmut Böttiger bietet zum 50. Todestag von Paul Celan mit seinem Sachbuch "Celans Zerrissenheit - Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist" einen ganz neuen Blick auf den Dichter. Er räumt dabei mit vielen Mythen und Vorurteilen um Celan auf. So schildert er das oftmals problematische Verhältnis, das er zu anderen Schriftstellern hatte. Er zeigt Celan – den Dichter der "Todesfuge" – aber auch als Brückenbauer zu linken und konservativen Literaten.

Paul Celan
Paul Celan Bildrechte: dpa

Von dem Lyriker Paul Celan ist der profilierte Literaturkritiker und promovierte Germanist Helmut Böttiger gefesselt. Bereits zum dritten Mal seit 1996 widmet er sich in einer Veröffentlichung dem jüdischen Dichter, der durch seine "Todesfuge" Weltruhm erzielte. Wandte Böttiger sich bisher Orten zu, an denen Celan weilte, so sondiert er jetzt das schwierige Verhältnis des Lyrikers zu deutschen Schriftstellern verschiedener politischer Lager.

Celan und Grass und Calvados

Sehr intensiv beleuchtet er die Beziehung Celans zum späteren Nobelpreisträger Günter Grass. Beide hatten zwischen 1956 und 1959 engen Kontakt und sahen sich oft. Laut Böttiger entwickelte sich zwischen dem sieben Jahre älteren Celan und dem damals in Paris lebenden Grass "eine Beziehung, die wohl stark auf osteuropäische Affinitäten und ziemlich viel Calvados gegründet war."

Günter Grass
Günter Grass Bildrechte: dpa

Wir hatten, so fremd wir einander sein mussten, so verschieden wir waren, ein Faible füreinander. Und ich verdanke Paul Celan sehr viel an literarischen Hinweisen.

Günter Grass

Doch die Eintracht war trügerisch. Auf Dauer harmonierte Celan nicht mit Grass, obwohl beide sich als Sozialisten begriffen. Es kam letztlich zu einem Eklat, bei dem Celan Grass buchstäblich vor die Tür setzte. Das Zerbrechen der Freundschaft hing laut Böttiger damit zusammen, dass Celan die Kritik von Grass an seinem Prosastück "Gespräch im Gebirg" nicht verkraftete.

Ein Rotweinfleck ist auf einem Gedichtmanuskript des Schriftstellers Paul Celan zu sehen.
Ein Rotweinfleck auf einem Gedichtmanuskript des Schriftstellers Paul Celan Bildrechte: dpa

Konflikt mit Böll

Schriftsteller und Nobelpreistraeger Heinrich Böll
Der Schriftsteller und Nobelpreistraeger Heinrich Böll Bildrechte: IMAGO

Auch der Kontakt zu Heinrich Böll riss wegen solcher Empfindlichkeiten ab. Celan hatte Böll einen Brief geschickt, in dem er ihn um Auskunft zu antisemitischen Aktionen in der Bundesrepublik bat, doch der Romancier meldete sich erst nach vier Monaten mit einer knapp bemessenen Notiz auf einer Postkarte. Böttger schreibt dazu: "Celan reagierte umgehend. Er vermisste bei Böll die Empathie und registrierte das Geschäftige, Eilige bei seinem Kollegen. Das empfand er als persönliche Kränkung", und Böttger schildert noch weiter "Celan rückte Böll, tief getroffen, in die Nähe von Antisemiten."

Besuche bei Heidegger

Foto von Martin Heidegger in einer Ausstellung im Schloss Messkirch, 2018
Martin Heidegger Bildrechte: imago images / sepp spiegl

In eindrucksvollen Kapiteln hebt Böttiger hervor, dass Celan trotz seiner linken Ambitionen immer wieder Tuchfühlung mit Autoren der konservativen Fraktion wie Klaus Demus und Armin Mohler aufnahm.

Besonders fasziniert zeigte sich der Poet von dem Philosophen Martin Heidegger, obwohl er um dessen Verstrickungen mit dem NS-Regime wusste. Schließlich stattete er dem Denker sogar eine Visite in seiner Hütte auf dem Todtnauberg im Schwarzwald ab. Böttiger schildert, dass dieser überraschende Besuch eher zufällig zustande kam, als Celan von dem Freiburger Germanistikprofessor Gerhart Baumann zu einer Lesung an der Universität eingeladen wurde – und dieser den Termin insgeheim mit Heidegger absprach, der positiv reagierte:

Schon lange wünsche ich, Paul Celan kennen zu lernen. Er steht am weitesten vorne und hält sich am meisten zurück. Ich kenne alles von ihm, weiß auch von der schweren Krise, aus der er sich selbst herausgeholt hat, soweit dies ein Mensch vermag.

Martin Heidegger

Unerwiderte Bewunderung für Ernst Jünger

Schriftsteller Ernst Jünger macht Notizen an seinem heimischen Schreibtisch in Wilfingen.
Ernst Jünger Bildrechte: imago/Sven Simon

Auch zu Ernst Jünger, dem umstrittenen Verfasser des Kriegsberichtes "In Stahlgewittern", blickte Celan bewundernd auf. Er betrachtete den einstigen Offizier als Sprachgenie und brillanten Geistesarbeiter.

Helmut Böttiger zitiert den berühmten Brief, den Celan am 11. Juni 1951 an den deutlich älteren Kollegen sandte und auf den er zu seiner Enttäuschung nie eine Antwort empfing: "Wie schwer ist es doch, diesen Zeilen die Richtung zu geben, die in Ihre Nähe weist! Im Grunde können sie wohl nur die Hoffnung umschreiben, Sie möchten das beigeschlossene Manuskript an einer Stelle aufschlagen, die Ihrem Entgegenkommen zu danken weiß. Auf vielerlei Wegen habe ich zu Ihrer Welt hinübergedacht und Ihnen zu begegnen versucht – aber das Zeichen, unter das ich mich stellte, schien mir nicht recht zu denjenigen zu gehören, die es vermocht hätten, Ihr Auge auch für die Gestalt unter ihm zu gewinnen."

Versuche, Brücken zu schlagen

Mit großer Eindringlichkeit zeichnet Helmut Böttiger den Spagat nach, den Celan als Holocaustüberlebender beim Verkehr mit Intellektuellen vollzog, die ungewollt oder gewollt in die Mühlen des Hitler-Regimes geraten waren. Er porträtiert ihn als tief verunsicherten Mann, der danach strebte, Brücken über ideologische Gräben zu schlagen. Dass Celan daran scheiterte, beweist sein Suizid.

Über Helmut Böttiger

Der 1956 im Baden-Württembergischen Creglingen geborene Helmut Böttiger gehört unter den deutschen Literaturkritikern der Gegenwart neben Hubert Winkels, Thomas Steinfeld und Volker Hage zu den profiliertesten Köpfen. Er begann seine Karriere als Literaturredakteur der Frankfurter Rundschau. Heute ist er hauptsächlich für die "Süddeutsche Zeitung" und "Deutschlandradio" tätig. Seine Studie über die "Gruppe 47" wurde 2013 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ausgezeichnet.

Helmut Böttiger, Celans Zerrissenheit - Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist
Buchcover: "Celans Zerrissenheit" Bildrechte: Galiani Verlag

Angaben zum Buch Helmut Böttiger: "Celans Zerrissenheit - Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist"
202 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-86971-212-3
Galiani Verlag

Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. April 2020 | 12:40 Uhr

Abonnieren