Sachbuch von Norman Ohler "Harro und Libertas" – eine Geschichte über eine wenig bekannte NS-Widerstandsgruppe

Unter der Bezeichnung "Rote Kapelle" gehörte sie zum festen Bestandteil der Aufarbeitung des Nationalsozialismus – zumindest in der DDR. Im Westen Deutschlands kannte die Widerstandsgruppe um Libertas und Harro Schulze-Boysen dagegen kaum jemand. Wie genau dieser Widerstand aussah, wurde jedoch auch im Osten so gut wie nicht thematisiert. Bestsellerautor Norman Ohler (u.a. "Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich") hat die ungewöhnliche Geschichte dieses Netzwerks aufgeschrieben. Sein Buch heißt "Harro und Libertas. Eine Geschichte von Liebe und Widerstand".

Das Buch beginnt mit einer eindringlichen Szene im Garten der Großeltern von Norman Ohler. Noch ein Kind, fragt er den Opa, ob dieser etwas mit Konzentrationslagern zu tun gehabt habe. Das folgende Geständnis schockiert: Er, der Reichsbahner, sei tatsächlich in Nordböhmen auf einen Menschentransport nach Theresienstadt gestoßen. Unternommen habe er nichts – aus Angst.

"Das ist natürlich interessant: Warum sind Harro und Libertas so geworden, warum haben sie diesen Mut aufgebracht und mein Großvater hat es halt nicht getan?", fragt der Autor. "Das fand ich interessant, das so gegeneinander zu setzen. Zum anderen ist es ja eine Erzählung, die von mir kommt und von daher wollte ich dem Leser auch ein Gefühl von mir vermitteln, um dadurch die Glaubwürdigkeit des gesamten Buches zu erhöhen."

Mit dieser persönlichen Geschichte wird man sofort in Ohlers Buch hineingezogen. Das, wie er berichtet, nur zufällig entstanden ist. Nämlich, weil er bei der Arbeit an einem anderen Thema einen Brief von Widerstandskämpfer Harro Schulze-Boysen fand. Vor allem aber als Folge eines Treffens mit Hans Coppi, dessen Vater auch Mitglied der Widerstandsgruppe war.

Hintergründe zur "Roten Kapelle" lange nicht überliefert

Norman Ohler, 2105
Norman Ohler Bildrechte: Joachim Gern/dpa

Unter anderem Coppis Recherchen verdankt Ohler, dass er das Buch überhaupt schreiben konnte. Denn Hitler hatte persönlich verfügt, die Erinnerung an die Widerstandskämpfer nach ihrer Ermordung 1942 auszulöschen und deshalb Akten vernichten lassen. Viel mehr als der Begriff "Rote Kapelle" war darum lange nicht überliefert.

"Der Gestapo-Begriff 'Rote Kapelle' ist deswegen benutzt worden von den Nazis, weil es eben darauf hindeutet, dass hier eine Kapelle, so nannte man Funker, tätig war, um gen Moskau zu funken", erklärt Ohler. "Das heißt, die mannigfaltigen Widerstandsaktionen von Harro und Libertas werden reduziert darauf, dass sie tatsächlich versucht haben, Moskau über Funk militärisch relevante Informationen zuzuspielen. Von daher finde ich schon, dass der Name 'Rote Kapelle' die Erinnerungen an die beiden und ihre Freunde verfälscht darstellt."

Progressiv auch im Privaten

Sich selbst hatte die Gruppe keinen Namen gegeben. Wie vielfältig ihre Aktivitäten waren, schildert Ohler spannend wie ein Thriller. Sie verteilte Flugblätter, klebte Zettel an Hauswände, half jüdischen Mitbürgern. Über neun Jahre dauerte ihr Kampf gegen das Regime an – beginnend 1933, als Harro Schulze-Boysen noch versuchte, mit seinem Blatt "Der Gegner" argumentativ gegen Nazis vorzugehen. Das Besondere an der Gruppe, die aus vierzig Prozent Frauen bestand, war aber auch ihr Anspruch, selbst im Privaten progressiv zu sein.

"Die NS-Diktatur haben sie auch abgelehnt, weil das eine Spießerdiktatur war, die ganz konservative Geschlechterrollen hatte", so Ohler, "und das haben die ganz anders gesehen." Nicht als einzige Frau in der Gruppe sei Libertas Schulze-Boysen berufstätig gewesen, auch wurde beiden Geschlechtern zugebilligt, Affären zu haben: "Auch das gehörte zur Politik dazu. Das haben die damals in der NS-Diktatur schon gemacht. Das ist natürlich sehr ungewöhnlich."

Ohler erzählt so, dass es weh tut

Norman Ohler schreibt im Stil des erzählenden Sachbuches, und zwar so gekonnt, dass es manchmal wehtut. Etwa, wenn man das Gefühl hat, direkt daneben zu stehen, als die SS kurz nach der Machtergreifung der Nazis Harro foltert, ihm Hakenkreuze in die Beine schneidet und seinen Mitstreiter Henry Erlanger zu Tode prügelt. Das ist der Moment, wo Harro beschließt, Widerstand zu leisten.

Faszinierend, wie detailliert und sorgfältig Ohler aber auch ein Psychogramm der Zeit und der wichtigsten Protagonisten zeichnet, belegt mit einer Vielzahl an Quellen. "Es war zum Beispiel wichtig, keine Dialoge zu erfinden, die ich einfach interessant finde", so der Autor.

Sachbuch mit kleinen literarischen Freiheiten

Dennoch hat sich Ohler kleine Freiheiten herausgenommen: "Wenn Harro in einem Brief an Libertas etwas geschrieben hat, dann habe ich es mir erlaubt, diesen Satz zum Beispiel in seinen Mund zu legen und ihn diesen Satz ihr gegenüber aussprechen zu lassen", sagt er. "Das ist die literarische Herausforderung, die mich bei diesem Projekt interessiert hat – möglichst nahe an die Wahrheit heranzukommen."

Mit "Harro und Libertas" hat Norman Ohler auf äußerst lesenswerte Weise ein bislang kaum bekanntes Stück Geschichte offengelegt. Ein wichtiges und aktuelles Buch.

Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" In der Gruppe fanden sich Studenten, Künstler, Publizisten, Arbeiter, Verwaltungsbeamte und auch Adlige zusammen. Sie halfen verfolgten Juden, geflohenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. In Berlin waren seit 1940 sieben eher lose geführte Zusammenschlüsse von Hitler-Gegnern aktiv, die zum Teil auch Mitwisser in anderen Städten hatten. Nicht alle rund 150 Mitglieder kannten sich persönlich. Einendes Ziel war, das Regime zu unterwandern, um den Krieg schnell zu beenden und eine Verständigung mit der Sowjetunion einzuleiten. Deutschland, so die Vision, sollte nach Kriegsende als unabhängiger Nationalstaat eine Vermittlerrolle zwischen Ost und West einnehmen können. Ein abgefangener Funkspruch wurde den Widerständlern zum Verhängnis. Im August 1942 rollte eine Verhaftungswelle an. In der Folge wurden mehr als 50 Menschen hingerichtet.

Mehr Sachbücher

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2019 | 08:10 Uhr

Abonnieren

Soziale Netzwerke