Frühwerk aus der Dresdner Zeit "Ramsch": Wer hat Interesse an Gerhard Richters Skizzen?

"Die Hälfte davon ist Ramsch und sollte verbrannt werden", sagte Gerhard Richter zu etwa 500 Skizzen und Studien, die auf dem Kunstmarkt kursieren. Unbekannte versuchen seit Jahren, die Arbeiten, die aus Richters Zeit in Dresden in den 50er-Jahren stammen sollen, für eine hohe Millionensumme zu verkaufen. Der Leiter des Gerhard Richter Archivs in Dresden, Dietmar Elger, erklärt, was an den Werken interessant ist und warum sie keiner kauft.

Gerhard Richter
Gerhard Richter würde einige seiner alten Skizzen am liebsten verbrennen. Bildrechte: imago/epd

MDR KULTUR: Sie gehören offenbar zu den wenigen Menschen, die die Mappen mit den frühen Arbeiten gesehen haben. Was sind das für Arbeiten? Und warum sind Sie so interessant? Weil Richter heute zu den am teuersten gehandelten Malern gehört?

Dietmar Elger: Das ist die Spekulation derjenigen, die sie jetzt in ihren Händen haben. Ich habe sie vor zehn Jahren gesehen. Es sind drei Mappen. Ausschließlich Skizzen, Zeichnungen, Entwürfe, auch mal etwas auf festem Karton gemalt. Aber dadurch, dass es eben Zeichenmappen sind, sind da keine Gemälde drunter. Es sind aber auch Werke dabei, die nicht von ihm stammen. Ein erheblicher Anteil ist entweder von Freunden, Künstlerfreunden oder auch von seiner Frau Ema.

Gerhard Richter selber hat an diesen Arbeiten überhaupt kein Interesse mehr?

Das ist korrekt. Er konzentriert sich auf das, was er jetzt macht, auf das, was er 1962 im Westen begonnen hat. Das ist das Werk, das ihn interessiert, das sind die Fragestellungen, die ihn interessieren. Das Dresdner Werk ist das Werk eines eigentlich anderen Künstlers, mit anderen Institutionen, in einem anderen Kontext entstanden. Das spielt für ihn heute eigentlich keine Rolle, außer vielleicht sentimental.

Der Maler Gerhard Richter am 25.02.2015 bei einem Pressetermin mit seinen Bildern im Albertinum von Staatliche Kunstsammlungen Dresden. 6 min
Bildrechte: Oliver Killig
Der Maler Gerhard Richter am 25.02.2015 bei einem Pressetermin mit seinen Bildern im Albertinum von Staatliche Kunstsammlungen Dresden. 6 min
Bildrechte: Oliver Killig

Wissen Sie denn, wer seit Jahren versucht dieses Konvolut zu hohen Preisen zu verkaufen? 120 Millionen Euro stehen im Raum, vielleicht inzwischen aber auch nur noch fünf bis zehn Millionen Euro. Wer versucht das auf den Markt zu bringen? Es hängt ja wohl auch inzwischen auch der frühere Kunsthändler Helge Achenbach mit drin.

Wir wissen, wem es gehört, kennen also den jetzigen Besitzer, der es vor zehn Jahren gekauft hat, als wir es nicht gekauft haben. Aber diejenigen, die am Markt auftauchen, die es jetzt anbieten, sind immer Mittelsmänner, die im Laufe der zehn Jahre versucht haben, es an uns verkaufen, aber auch einer Reihe von Sammlern anboten. Ich glaube, keiner dieser Mittelsmänner war Kunst-Sachverständiger und hatte wirklich Ahnung.

Warum haben Sie es nicht gekauft? Warum ist es für Sie offenbar nicht interessant?

Doch, es ist durchaus für uns interessant, aber es war schon vor zehn Jahren für das, was es beinhaltet, zu teuer. Auch damals steckte schon jemand dazwischen. Wir haben auch nicht mehr mit den damaligen Besitzern gesprochen, sondern mussten mit einem Mittelsmann sprechen, der es uns angeboten hat in Konkurrenz zu einem Privatmann, der es dann auch gekauft hat.

Nun wird gesagt, Herr Achenbach verhandelt sozusagen auch ein bisschen für sie mit. Haben Sie Hoffnung, dass daraus nun wirklich was Schönes entstehen könnte?

Der ehemalige Kunstberater Helge Achenbach
Der ehemalige Kunstberater Helge Achenbach war bereits in Haft Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Herr Achenbach verhandelt ja, um es für das Archiv zu sichern. Das wäre natürlich eine schöne Sache. Er handelt nicht in unserem Auftrag, sondern er hat scheinbar einen Vertrag mit den letzten Anbietern geschlossen, dass er sozusagen für diese Personen weiterverhandelt und versucht zu verkaufen. Hoffentlich für einen Preis, mit dem wir alle gut leben können, damit es es dann anschließend ans Archiv geht.

Aber interessant ist, was dieser ganze verworrene Vorgang einerseits über den Künstler Gerhard Richter und seine Bedeutung erzählt und andererseits über den Kunstmarkt.

Ja, der Kunstmarkt ist halt ein bisschen verrückt und reagiert natürlich auf Namen. Aber wie Sie gesehen haben in den letzten zehn Jahren: Es ist weder an uns gegangen, noch haben es andere Sammler gekauft. Und wir sind immer kontaktiert worden, von Leuten, denen es angeboten worden ist. Keiner hat da ernsthaftes Interesse gehabt.

Bilder von Gerhard Richter werden bei Sotheby's oder wo auch immer zu horrenden Preisen gehandelt. Und es finden sich immer Leute, die das zahlen. Könnte da nicht, auch wenn er dieses frühe Werk nicht für so bedeutend hält, ein neuer Markt entstehen?

Mitarbeiter des Gerhard Richter Archivs arbeiten in einem Büro
Büro im Gerhard Richter Archiv Bildrechte: dpa

Na ja, diese Werke sind wieder signiert, das heißt die Autorenschaft von Herrn Richter ist im Einzelnen durchaus zweifelhaft. Keines ist datiert. Die haben ein Werk, von dem wir nicht wissen, in welchem Jahr es entstanden ist. Das ist immer eine Unsicherheit. Wir haben keinen Titel für die Werke, und es ist kein präzises Werk. Sie kaufen nichts, was nicht autorisiert ist vom Künstler.

Aber für das Gerhard Richter Archiv in Dresden wäre es natürlich eine wundervolle Ergänzung.

Ja, für uns ist es ein wichtiges Konvolut, ein archivalisches Konvolut, ein wunderbar dokumentarisches Konvolut. Ein Konvolut, das an den Ort Dresden gehört. Wir haben ganz andere Interessen an diesem Werk, keine kommerziellen Interessen, wir sehen das ganze Konvolut anders als das ein normaler Sammler sehen würde. Von daher ist es für uns interessant – aber nicht zu jedem Preis.

Das Gespräch führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Dezember 2019 | 08:10 Uhr

Abonnieren