Zum 250. Geburtstag Warum Friedrich Hölderlin am eigenen Anspruch scheiterte

Friedrich Hölderlin gehört zu den bedeutendsten Lyrikern seiner Zeit. Doch aus welchen Versen kennt man den Dichter? Für viele liegt Hölderlins Werk weithin im Dunkeln. Der Poet gilt als Mythos, schon zu Lebzeiten - besonders, als er die zweite Hälfte seines Lebens der Welt entrückt in einem Tübinger Turm zubrachte. Vor 250 Jahren, am 20. März 1770, wurde Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren.

Eine Statue des Dichters Friedrich Hölderlin in Baden-Würtemberg.
Eine Statue des Dichters Friedrich Hölderlin in Baden-Würtemberg. Bildrechte: dpa

Eigentlich soll Friedrich Hölderlin Pfarrer werden. Die fromme Mutter drängt den Jungen zur Theologie. Doch im Stift zu Tübingen rebelliert er gegen die strenge Disziplin ebenso wie gegen die Willkür im Land. Die Revolution in Frankreich 1789 hallt auch in die Enge der Tübinger Gemäuer.

Ich duld es nimmer! ewig und ewig so/Die Knabenschritte, wie ein Gekerkerter/Die kurzen, vorgemeßnen Schritte/Täglich zu wandeln, ich duld es nimmer!

Friedrich Hölderlin, Dichter

Interesse für philosophische Fragen

Im Stift erwacht auch Hölderlins fast religiöser Ehrgeiz, sich dichterisch zu verwirklichen. Dazu kommt sein Interesse für Philosophie und die alten Griechen. Wie sie will er Natur und Liebe, Freiheit und Denken als eins empfinden und leben. Einig weiß er sich dabei mit seinen beiden Mitstudenten Hegel und Schelling.

"Und da denken eben die drei, dass das nicht ausreicht, dass wir aufgeklärt sind", sagt der Schriftsteller und Hölderlin-Kenner Karl-Heinz Ott. Denn die Aufklärung an sich, man sehe es bei Kant, zertrenne alle Lebensbereiche. Nichts hänge mehr zusammen, so Ott. Durch eine neue Mythologie hätten Hölderlin, Hegel und Schelling dies überwinden wollen.

Bestimmung in der Poesie

Die Poesie kann die Gegensätze von Denken und Handeln aufheben. Darin sieht Hölderlin seine Bestimmung. Doch vorerst muss er als Hofmeister und Hauslehrer sein Brot verdienen. Die erste Stelle bekommt Hölderlin 1793 durch Vermittlung Friedrich Schillers bei dessen Freundin Charlotte von Kalb. Eine kurze Episode, wie der Versuch, in Jena Fuß zu fassen.

Später dann hat Hölderlin seine glücklichste Zeit: Zwei Jahre lebt er in Frankfurt am Main. Dort verliebt er sich in Susette Gontard, die leider verheiratet ist. Doch in ihr findet er seine "Diotima", seine Priesterin der Liebe. Und: innere Ruhe, den Glauben an seinen "Dichterberuf". Hölderlin vollendet Band 1 des "Hyperion"-Romans, trifft in den Oden eigene lyrische Töne, plant die Herausgabe einer humanistischen Zeitschrift.

Ständige Geldnot

Hölderlins inständige Hoffnung lautet: "Endlich einen geltenden Posten in der gesellschaftlichen Welt." Doch statt dauerhaft von der Dichtung leben zu können und Lorbeeren zu ernten, muss der Dichter Geld von der Mutter erbetteln. Bitter verabschiedet sich der Dichter 1801 gen Frankreich:

"Es hat mich bittre Tränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jetzt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab ich Lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen."

Im Winter geht Hölderlin nach Bordeaux, größtenteils zu Fuß. Dort tritt er seine letzte Hauslehrer-Stelle an.

Gescheitert am eigenen Anspruch

Gut ein Vierteljahr später ist der Dichter zurück, heruntergekommen, psychisch höchst labil. Dazu ereilen ihn zwei neue Schicksalsschläge: Zum einen die Nachricht vom Tod Susette Gontards, zum anderen kommt sein Freund Isaac von Sinclair wegen angeblicher Verschwörung gegen den Württembergischen Kurfürsten vor Gericht. Hölderlin bewahrt nur ein Gutachten vor diesem Schicksal. Er sei wahnsinnig, heißt es. Mit Anfang 30 ist er verwirrt und erschöpft - gescheitert auch am eigenen, riesigen Anspruch.

Zu diesem Scheitern gehöre mehr als das Zerbrechen an der romantischen Liebeserwartung, so der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer. Vor allem gehe es bei Hölderlin um "dieses Scheitern des politisch-philosophischen Gesamtprojekts" - und das "in einer Radikalität, die man sich kaum vorstellen kann".

Ein zurückgezogenes Leben

Nach einem Klinikaufenthalt kümmert sich ab Sommer 1807 der Tübinger Tischlermeister Zimmer um Hölderlin. In einem Turm direkt am Neckar wird der Dichter die meiste Zeit bis zu seinem Tod 1843 verbringen. 36 Jahre lebt er zurückgezogen in seiner verworrenen Innenwelt. "Hälfte des Lebens": Die letzten Zeilen aus Hölderlins vielleicht bekanntestem Gedicht sind verrätselt wie der Dichter selbst:

"Weh mir, wo nehm’ ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen."

Hölderlin zum Hören

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2020 | 06:40 Uhr

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