Vor 35 Jahren Als die erste E-Mail in Deutschland ankam

Die E-Mail kann in Deutschland mittlerweile auf eine 35-jährige Geschichte zurückblicken. Am 2. August 1984 wurde die erste E-Mail von den USA aus in die Bundesrepublik verschickt. Einen Tag später wurde diese an der Universität Karlsruhe gelesen. Zunächst für den Wissenschaftsbereich gedacht, wird die E-Mail schnell zum Massenkommunikationsmittel.

Michael Rotert zeigt auf einem Monitor die erste empfangene E-Mail in Deutschland die er 1984 erhalten hat.
Michael Rotert von der Uni Karlsruhe zeigt auf einem Monitor die erste empfangene E-Mail in Deutschland, die er 1984 erhalten hat. Bildrechte: dpa

Die E-Mails, die einen über den Tag erreichen, bereiten eher selten Vergnügen. Denn was findet sich da so: Rechnungen, Werbung, Newsletter, die genauso nur Werbung sind, von denen man ursprünglich aber mal gehofft hat, sie würden informativer ausfallen, elektronische Post von Absendern mit sinistren Absichten: Bloß nicht öffnen! Und Dienstliches natürlich, das man sich an die Privatadresse schicken lässt, um, was die Arbeit angeht, auf aktuellem Stand zu sein. So rasch wie möglich. Aber: für den eiligen Informationsaustausch ist sie bestens geeignet, und es gibt sogar Menschen, die E-Mails schreiben, die wie Briefe sind. Nur dass sie eben auf die Tastatur statt auf die Hand setzen.

E-Mail wird Massenkommunikationsmittel

Die E-Mail: oft praktisch, oft überflüssig. Ein wichtiger Baustein in einem Leben, das sich heute so viel schneller anfühlt als vor Jahrzehnten. Ihre Zeit beginnt in Deutschland im August 1984. Michael Rotert, technischer Leiter eines Rechenzentrums der Universität Karlsruhe, heißt der erste Empfänger einer E-Mail, verschickt aus den USA.

Die E-Mail war für den Wissenschaftsbereich gedacht. Da hatten wir eine große Nachfrage erwartet, aber nicht die Tatsache, dass sie ein Massenkommunikationsmittel wird.

Michael Rotert, Wirtschaftsingenieur und Internet-Pionier

Wird sie aber, wenn auch noch ein paar Jahre verstreichen. Und das hat Folgen:

Frau schaut ratlos auf den Monitor, auf welchen sich eine E-Mail mit einer Zahlungsaufforderung befindet.
Bei manchen E-Mails fehlen uns die Worte. Bildrechte: Colourbox.de/MDR.DE

Der Stil der Kommunikation hat sich durch E-Mail ganz wesentlich verändert, weil eine Lässigkeit und Sorglosigkeit des Formulierens, wie wir sie bisher nur aus gesprochener, unmittelbarer Kommunikation kennen, Schriftform angenommen hat.

Norbert Bolz, Medien- und Kommunikationswissenschaftler

Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz weiter: "Die meisten Menschen schreiben ja deshalb nicht gerne Briefe, weil von dem Medium des klassischen Briefes eine Art Formzwang ausgeht."

Mischform mündlicher Dialog und geschriebenes Wort

Dieser Formzwang wird mit den E-Mails im Wesentlichen aufgelöst. Anders als im Brief schreiben die Menschen nunmehr häufig so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Inklusive Abkürzungen, Neuwortschöpfungen und mitunter lockerem Blick auf die Orthographie. E-Mails stellen praktisch eine Mischform aus direktem, mündlichem Dialog und geschriebenem Wort dar, haben einen eigenen Charakter, so der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch. "Sie sind leicht, sie sind luftig, haben keine Erdenschwere, sie sind nicht materiell, ich brauch sie nicht ganz ernst zu nehmen. Das sind Pixel, die da auf dem Bildschirm sind", so Hörisch weiter.

Ich denke, das Tolle an den E-Mails ist, dass sie uns alle bedrängen, und wir sie alle nicht ganz ernst nehmen zugleich. E-Mails haben bis heute was Frivoles.

Jochen Hörisch, Literatur- und Medienwissenschaftler

Zeit der E-Mail noch lange nicht vorbei

Bildschirmfoto: Posteingang eines Email Programms
2018 wurden 850 Milliarden E-Mails verschickt (Spam-Mails nicht mitgezählt). Bildrechte: imago/blickwinkel

Frivol hin oder her. Die E-Mails haben die zwischenmenschliche Kommunikation verändert, der man sich durchaus entziehen kann, wenn man will. Auch haben sie ihren Teil dazu beigetragen, dass die Menschen quasi rund um die Uhr kommunikationsbereit sind. Was gut und schlecht ist. E-Mails taugen sogar als Gradmesser des eigenen Stellenwerts: man sollte sich vielleicht doch Gedanken machen, wenn man nur solche bekommt, die man gleich wieder löschen kann. Die Zeit der E-Mails jedenfalls ist trotz Facebook und Whatsapp noch lange nicht vorbei. Allein in Deutschland sind 2018 850 Milliarden E-Mails verschickt worden. Und die Spam-Mails sind da nicht mal mit dabei.  

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 02. August 2019 | 06:40 Uhr

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