Eine Ausstellung zum 90. Geburtstag Angermuseum Erfurt ehrt Bildhauer Wieland Förster

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Wieland Förster ist ein Phänomen: Der gebürtige Dresdner, der vor ein paar Tagen 90 Jahre alt geworden ist, hat es geschafft, in die vorderste Reihe der DDR-Bildhauer aufzusteigen – mit Skulpturen, die keineswegs den politischen Vorgaben entsprachen. Eine Schau im Angermuseum Erfurt zeichnet nun Försters Wirken über rund 40 Jahre nach.

Wieland-Förster-Ausstellung Angermuseum Erfurt
Blick in die Ausstellung im Erfurter Angermuseum. Bildrechte: Marianne Sauerbrey

Es ist ein kleiner Frauenkopf, der schon gleich zu Beginn der Ausstellung deutlich macht: Gestählte Arbeiterkörper, wie sie die DDR-Bildhauer gemäß des sozialistischen Realismus in die Fläche bringen sollten, wird man hier nicht finden. Denn diese Bronzeplastik mit dem Titel "Kopf der Gelähmten" (1964/65) sieht ein wenig aufgequollen aus, etwas Ei-förmig, die Augen, nicht ganz auf gleicher Höhe, blicken nach oben, mit einer Mischung aus Trotz und Hoffungslosigkeit. "Das ist eine sehr wichtige Skulptur, an der sich auch ein Streit entzündet hat," erklärt Kurator Thomas von Taschitzki, "denn sie wurde abgelehnt von bestimmten Kulturfunktionären damals. Und Wieland Förster setzte sich aber durch mit dem Argument, dass auch im Sozialismus der gelähmte Mensch eine Würdigung erfahren muss."

Der Streit von damals sagt viel über den Menschen und den Künstler Wieland Förster aus. Dieser nahm den sozialistischen Realismus als eine Art verkitschten Idealismus wahr, Heldendarstellungen interessierten ihn wenig, anatomisch korrekte Skulpturen nur im Ansatz. Viel wichtiger war es ihm, das Leben in all seinen Facetten abzubilden, mit einer selbst entwickelten Bildsprache. All das tat er nicht, weil er offen Widerstand leisten wollte. Sondern weil seine Lebenserfahrung ihn hierzu angetrieben habe, erklärt der Direktor des Angermuseums, Kai Uwe Schierz. Förster habe existenzielle Erfahrungen in seiner Jugend gemacht, die ihn und sein Menschenbild entscheidend geprägt hätten.

Mit Gewalt und Tod konfrontiert

Wieland-Förster-Ausstellung Angermuseum Erfurt
Auch 70 Zeichnungen aus Försters Privatbesitz sind in Erfurt zu sehen. Bildrechte: Marianne Sauerbrey

Es sind zwei Erlebnisse, die den jungen Wieland Förster vermutlich schwer traumatisieren: Als 15-jähriger erlebt er die Bombardierung Dresdens mit und muss danach helfen, die Toten zu bergen. Die Bilder von Leichenhaufen, die in der Innenstadt angezündet werden, lassen ihn nicht mehr los. Kurz nach dem Krieg dann wird der 16-jährige von einem KPD-Funktionär wegen Waffenbesitzes denunziert. Die Vorwürfe sind offensichtlich falsch, dennoch wird der junge Förster ins sowjetische Speziallager nach Bautzen geschickt. Dort herrschen so schlimme Zustände, dass er an Tuberkulose erkrankt und fast stirbt.

1950 dann kündigt sich eine Delegation des Roten Kreuzes im Lager an. So wird Förster schnell und quasi durch die Hintertür entlassen – er darf nun sein Leben selbst in die Hand nehmen, nur sprechen darf er über das Erlebte nicht: "So hat er etwas gemacht – und das finde ich wirklich bemerkenswert, weil das für viele ostdeutsche Biografien zutrifft – er hat die Kunst für sich als Lebensmittel entdeckt", sagt Museumsdirektor Schierz. Förster habe gelernt, sich mittels künstlerischer Formen auszudrücken, weil es anders nicht möglich gewesen sei.

Der Aufstieg in den 70er-Jahren

Wieland-Förster-Ausstellung Angermuseum Erfurt
Försters Skulpturen haben oft unebene, schrundige Oberflächen. Bildrechte: Marianne Sauerbrey

Förster studiert in Dresden und Berlin, reibt sich aber immer an den geltenden Dogmen. So fängt er an, zu experimentieren: mit der Ei-Form. Für ihn ist diese universelle Grundform der Schlüssel zu einer spannungsgeladenen Bildhauerei. Viele seiner Skulpturen, die meist den menschlichen Körper darstellen, sind deswegen im Kern zusammengesetzt aus konvexen und konkaven Rundungen. Wie etwa die Bronzeplastik "Hero und Leander", die nun im Angermuseum ausgestellt ist. Aus der Ferne meint man, es hier mit zwei Baumstümpfen zu tun zu haben, die organisch mit Beulen und Dellen aus der Erde wachsen. Beim näheren Hinschauen aber entdeckt man zwei menschliche Oberkörper. Kurator Thomas von Taschitzki sagt, dass man hier – wie in so vielen von Försters Skulpturen – etwas enträtseln müsse: "Man sieht hier Ausschnitte aus Bauch, Brust, Bein. So dass der Körper selbst zu einer imaginären Landschaft wird. Und die Landschaft zum Leib. Diese Grundthematik hat Förster sehr beschäftigt."

Die Skulptur "Hero und Leander" stammt aus dem Jahr 1979. Zu diesem Zeitpunkt hatte Förster es trotz seiner ganz eigenen Ästhetik geschafft, in die oberste Riege der DDR-Bildhauer aufzusteigen. Hauptsächlich, weil er mächtige Förderer hatte, wie etwa Konrad Wolf. So wurde er ab Mitte der 70er-Jahre immer angefragt, wenn ein wichtiges Neubauprojekt in Planung war oder ein Skulpturenpark entstehen sollte, und hinterließ viele Spuren im öffentlichen Raum. Die Ausstellung in Erfurt zeichnet nun 40 Schaffensjahre dieses existentialistischen Bildhauers nach – letzten Endes ein Lehrstück über die heilende Kraft der Kunst.

Informationen zur Ausstellung Wieland Förster. Skulpturen und Zeichnungen
23. Februar – 24. Mai 2020

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Eintrittspreise:
Erwachsene 6 Euro
Ermäßigte 4 Euro

Adresse:
Angermuseum
Anger 18, 99084 Erfurt

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Februar 2020 | 17:10 Uhr