CD-Empfehlung "Ein Klangfarbenmagier!" – Víkingur Ólafsson vereint Debussy und Rameau

Er gilt als neuer, sehr heller Stern am Pianistenhimmel: Víkingur Ólafsson. Die Musikzeitschrift Gramophone feiert ihn als "atemberaubend und brillant", unsere Rezensentin hält ihn für eine Offenbarung an den Tasten. Am Instrument sitzt er übrigens immer nur in Socken. Der Isländer bringt jetzt Debussy und Rameau auf einer CD zusammen, die es gerade in die Klassik- und Popcharts schaffte! Doch was verbindet die beiden großen französischen Komponisten, zwischen denen Welten und 180 Jahre liegen?

Vikingur Olafsson vereint Debussy und Rameau
Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson Bildrechte: Deutsche Grammophon

Claude Debussy und Jean-Philipp Rameau? Ein Impressionist und ein Barock-Komponist auf einer CD? Beide Franzosen sind Giganten der Musik ihrer Epoche. 180 Lebensjahre liegen zwischen ihnen. Was sie verbindet, fragte sich Víkingur Ólafsson im Frühjahr 2019, als er auf die Geburt seines ersten Kindes wartete und derweil die Klavierwerke Rameaus studierte. Merkwürdigerweise musste er dabei immer wieder an Debussy denken, erzählt er:

Rameau und Debussy: Revolutionäre – poetisch und mehr als sinnlich

"Debussy war schon immer ein Teil meiner 'musikalischen Ernährung', seit ich ein Kind war. Wenn man seine Musik spielt, kann man so viel über die Natur des Klangs, den Raum innerhalb des Klangs und die Klangschichten lernen. Rameau war eine spätere Liebe, aber ebenso intensiv. Erst letztes Jahr begann ich wirklich, tief in seine Welt einzudringen. Und was für eine Welt voller Wunder es ist!"

Da waren sie plötzlich, die Gemeinsamkeiten von Rameau und Debussy: beide Revolutionäre, unnachgiebig, unabhängig in ihrer Harmonik. Beide müssen synästhetische Fähigkeiten gehabt haben, so sehr interessierten sie sich für die Farben der Klänge, so ausgeprägt sinnlich komponierten sie, so sehr ließen sie sich von anderen Künsten beeinflussen. Und nicht zuletzt hatten beide offensichtlich Freude daran, ihren Kompositionen poetische Titel zu geben, die schon ein bisschen die Geschichte hinter der Musik erzählen. Wie die vom leise spottenden Dorfmädchen, La Villageoise. Was sie noch verbindet, beschreibt Víkingur Ólafsson so:

"Mir kommt in erster Linie ihre Phantasie in den Sinn. In jedem Stück steckt diese tiefe Poesie, dieses Gefühl des Unerwarteten. Nichts ist selbstverständlich. Die Musik ist sehr individuell. Sie haben ihre eigene Stimme gefunden und klangen wie kein anderer ihrer Zeitgenossen."

Víkingur Ólafsson hat schon mit seiner Gegenüberstellung von Johann Sebastian Bach und Philip Glass' Klavierwerken begeistert. Jetzt schließt er nahtlos an mit dieser herausragenden Debussy und Rameau-CD. Natürlich seien das völlig verschiedene musikalische Welten, lacht der Isländer: "Bach ist abstrakter und weniger direkt. Er erzählt viele Geschichten gleichzeitig, meist extrem dicht und polyphon. Rameau erzählt geradliniger. Er schafft in seinen Klavierwerken Erzählungen, die durchaus im Opernhaus stattfinden könnten."

Enormer Klangkosmos – perfektes Spiel

Nur dass im Falle dieser Aufnahme kein riesiges Bühnenbild von Nöten wäre, sondern ein einziger Spot auf den Pianisten, der mit seinem perfekten Spiel einen enormen Klangkosmos vor uns ausbreitet. Von reiner Programmmusik bis zu ganz abstrakter spannt Vikingur Olafsson immense Bögen, arbeitet fein die bezaubernde Zärtlichkeit heraus, die Debussy an Rameau so bewunderte. Aus Rameaus letzter Oper "Les Boréades" hat der 36jährige ein Zwischenspiel für modernes Klavier transkribiert, das so modern klingt wie Mahler. Und wenn Víkingur Ólafsson in Debussys "pas sur la neige", in seine Fußstapfen im Schnee tritt, dann hält in deren eigenartigen Harmonien beinahe die Zeit an.

Charakterstücke, Préludes, allen Titeln auf dieser CD haucht er ganz eigenes Leben ein.

Man möchte jeden Ton festhalten, mit dem der Pianist Rameau und Debussy sprechen lässt, auch miteinander, wie musikalische Brüder im Geiste.

Rameau und Debussy stehen sich in nichts nach, in der Originalität, in ihrem musikalischen Denken. Rameau, der Futurist und der im französischen Barock verwurzelte Debussy, sie verneigen sich hier nicht voreinander, sie nicken sich anerkennend zu. Und das haben sie dem Isländer zu verdanken, der einen von dem aparten CD-Coverbild durch seine Brille direkt anschaut, während seine Finger ertastbare Spuren in Rot, Blau und Türkis hinterlassen. Er ist einfach ein Klangfarbenmagier!

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. April 2020 | 07:40 Uhr

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