Theaterkritik "Wir sind auch nur ein Volk" – auf Nummer sicher inszeniert

Matthias Schmidt, Filmemacher von "Merkel - Die Unerwartete"
Bildrechte: Juliane Streich / MDR

In Plauen fand am 7.Oktober 1989 vor dem Theater eine der bis dahin größten illegalen Demonstrationen von DDR-Bürgern statt. In diesem Theater gab es nun die Premiere des Stückes "Wir sind auch nur ein Volk", eine Komödie nach Fernseh-Drehbüchern des Schriftstellers Jurek Becker. Unser Kritiker ist zwiegespalten. Einerseits funktioniert das Stück beim Publikum, es gab Szenenapplaus und Standing Ovations, andererseits wäre hätte man aus dem Stoff mehr herausholen können.

Bühnenszene: Wir sind auch nur ein Volk
Das Stück "Wir sind auch nur ein Volk" schrieb Autor Jurek Becker Bildrechte: Theater Plauen, André Leischner

Kennen Sie diese Momente, wo man sich entscheiden soll, aber bis zuletzt nicht weiß, wie? Mir geht es bei der Plauener Inszenierung von "Wir sind auch nur ein Volk" so.

Das Stück basiert also auf einer Fernsehserie von Jurek Becker aus dem Jahr 1994. Darin soll ein West-Schriftsteller den Westdeutschen die Ostdeutschen erklären – und zu diesem Zweck bekommt er, quasi als Studienobjekt, die Ost-Familie Grimm zur Verfügung gestellt. Die besucht er, die belauscht und beobachtet er und versucht, sie zu verstehen. (Im Fernsehen hat übrigens Manfred Krug den Benno Grimm gespielt. Ein herrlicher Stoff!)

Perfekter Zeitpunkt für Inszenierung

Das Stück jetzt zu inszenieren, genau zwischen dem Tag der Deutschen Einheit und dem 30. Jubiläum der Plauener Demonstrationen gegen den Reform-Unwillen der DDR am 7.Oktober 1989, ist perfekt. Chapeau, Roland May, dem Intendanten des Theaters Plauen-Zwickau. Ein bisschen Nostalgie, viel Humor, ein bisschen Nachdenken über den Stand der Deutschen Einheit. Und vielleicht sogar ein bisschen "Heute". Wir sind ja irgendwie immer noch in der Phase des gegenseitigen Kennenlernens, anders als 1994, aber das findet ja immer noch statt, dass Autoren der überregionalen Medien aus dem Westen nach Chemnitz und Dresden kommen und versuchen, uns unbekannte Wesen zu erklären. Dieser Helikopter-Jornalismus. Das passt also toll, habe ich mir gedacht.

Bühnenszene: Wir sind auch nur ein Volk
1994 wurde der Stoff als Serie im Fernsehen gezeigt Bildrechte: Theater Plauen, André Leischner

Da nach solchen Sätzen immer ein "aber" folgt: ich hatte aber über weite Strecken das Gefühl, dass diese Analogien ins Heute eben nur wenig genutzt werden. Ich habe das vermisst, weil die Inszenierung von Jan Jochymski über weite Strecken eigentlich nur wie ein Remake der Fernsehserie wirkt. Jedenfalls kam es mir so vor.

Sehr bieder, sehr retro

Die Bühne ist einem Standard-DDR-Neubau-Wohnzimmer nachempfunden. Darin sitzen die Grimms vor einem alten Röhrenfernseher und wälzen die Probleme von damals. Wie gesagt, 1994! In den Klamotten von damals, mit den Frisuren von damals. Sie lesen das "Neue Deutschland" und wirken auf mich ein bisschen wie Karikaturen. Das ist alles sehr bieder, sehr retro, sehr einfach gemacht.

Bühnenszene: Wir sind auch nur ein Volk
Die Bühne sieht nach DDR-Neubau-Wohnzimmer aus Bildrechte: Theater Plauen, André Leischner

Auf Nummer sicher inszeniert, könnte man auch sagen, denn dieses Setting funktioniert: die Inszenierung arbeitet schön heraus, wie viele der alten Jurek-Becker-Pointen immer noch zünden. Sie sind noch gültig, sozusagen, was ja zugleich lustig und erschreckend ist. Es wird viel und herzlich gelacht - über das Unwissen der Wessis und die Unbeholfenheit der Ossis. Über die Missverständnisse zwischen beiden. Ein Lachen, das manchmal wie eine Befreiung wirkt, denn es ist auch zu erleben, dass in dem Thema immer noch Potential für echte Empörung steckt. Wenn über die Treuhand und andere Defizite des Beitritts gesprochen wird, gibt es sogar Szenenapplaus.

Mehr wäre möglich gewesen

Dass der Schwerpunkt der Inszenierung offenbar auf "Komödie" liegt, dagegen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil, das Stück wird sicher ein Renner im Spielplan, und das hat sich das Theater Plauen-Zwickau auch redlich verdient. Aber die Inszenierung legt selbst zu Beginn noch eine zweite Fährte, auf etwas, das tiefer geht, das vielleicht eine zweite Ebene sein sollte. Und das ist für mich – leider – nicht ganz aufgegangen.

Es wird "Wind of Change" von den Scorpions eingespielt und Steinheim, der Autor aus dem Westen, fragt ins Publikum: "was hätte aus Deutschland werden können, wenn wir damals die gute deutsche Musik gehört hätten"? Will sagen: was wäre aus der Deutschen Einheit geworden, wenn ein bisschen mehr Osten in das neue Land eingezogen wäre. Und genau diese Metapher bleibt im weiteren Verlauf sehr in der Andeutung.

Bühnenszene: Wir sind auch nur ein Volk
Die Musik spielt eine wichtige Rolle in der Inszenierung Bildrechte: Theater Plauen, André Leischner

Beispiele dafür, was er meint, werden dann zwischen den Szenen von Theo, dem Sohn der Familie Grimm, gesungen: Pankows Lied "Langeweile" ist eins davon, mit der Zeile "Ich bin rumgerannt, zu viel rumgerannt, ist doch nichts passiert". Oder Citys "Wand an Wand", ein Lied, aus dem man die deutsche Teilung heraushören konnte, damals.

Mit dieser Musik, mit diesen Melodien und Texten müssten doch eigentlich Gänsehaut-Momente möglich sein, aber sie bleiben aus. Und ich glaube, das liegt daran, dass der ganze Abend wie eine Retro-Komödie angelegt ist, mit Perücken und angeklebten Bärten. Dadurch wirken auch diese Songs eigentlich nur wie bunte Nummern, und das fand ich sehr schade.

Kritiker im Zwiespalt

Das Publikum hat den Abend euphorisch aufgenommen. Mit Szenenapplaus, am Ende mit Standing Ovations. Das Konzept ist aufgegangen, könnte man sagen. Daher kommt ja auch die Zerrissenheit des Kritikers.

Theaterkritik ist keine Mathematik, und bei mir kam eben ein etwas anderes Ergebnis heraus. Ich fand den Abend insgesamt doch sehr eintönig, und dem erwähnten Anfang eben auch etwas eindimensional.

Am Ende klappt es nochmal, da gibt es ein Finale, das dann doch aus dem Gestern ins Heute weist, das endlich ein bisschen Pathos anbietet. Da feiern nämlich alle zusammen. Die Familie Grimm hat sich mit dem West-Autor und dessen Frau verbündet gegen den Fernsehsender, der ihre Serie kippen will. Jetzt lachen sie plötzlich mit- und auch übereinander, erinnern und vertragen sich und singen schließlich gemeinsam einen legendären DDR-Rock-Song: "Als ich wie ein Vogel war" von der Klaus-Renft-Combo mit den Zeilen "Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut, irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut …"

Bühnenszene: Wir sind auch nur ein Volk
Beim Publikum kam die Premiere gut an Bildrechte: Theater Plauen, André Leischner

Das ist so sympathisch, da steckt endlich mal eine Vision drin, dass es besser werden könnte. Das wäre doch toll, wenn wir mal ein Lied zusammen singen würden. Musik als Metapher, so wie es zu Beginn der Inszenierung angelegt wurde. Ein bisschen mehr davon, nur ein bisschen, und ein bisschen weniger Retro-Komödie, dann hätte dieser Abend den Platz zwischen dem Gestern und dem Morgen perfekt gefüllt.

Frage: "Wir sind auch nur ein Volk", wieder zu sehen im Vogtlandtheater Plauen am 12. und 19.Oktober, am 3. und 4.November, und ab Januar natürlich auch im Malsaal in Zwickau, der anderen Spielstätte des Theaters Plauen-Zwickau.

Über das Stück "Wir sind auch nur ein Volk"
Vogtlandtheater Plauen

Regie: Jan Jochymski

Weitere Aufführungen:
12. und 19.Oktober, 3. und 4.November, Theater Plauen
24., 26. Und 27. Januar, Malsaal Zwickau

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2019 | 13:10 Uhr