Rezension Furiose Wiederentdeckung: Jean Staffords "Die Berglöwin"

Eine ungewöhnliche Geschwister-Geschichte erzählt "Die Berglöwin": Die achtjährige Molly Fawcett und ihr zwei Jahre älterer Bruders Ralph wachsen Ende der 1920er-Jahre zusammen mit zwei älteren Schwestern im Los Angeles County behütet auf ... Höchste Zeit, den dramatisch endenden Coming of-Age-Roman von Jean Stafford wiederzuentdecken, findet unser Kritiker.

Buch der Woche: Die Berglöwin
Wiederentdeckung eines besonderen Romans Bildrechte: Dörlemann Verlag

Wer kennt noch Jean Stafford? Die 1915 geborene und 1979 gestorbene amerikanische Schriftstellerin, deren schmales Werk sowohl mit dem Pulitzer- als auch mit dem O.-Henry-Preis ausgezeichnet wurde? Vor rund 60 Jahren verlegte der Benziger-Verlag sie auf Deutsch, in den Übertragungen Elisabeth Schnacks, darunter 1958 (unter dem Titel "Die Geschwister") auch Staffords vielleicht besten, 1947 im Original erschienenen Roman "The Mountain Lion".

Ungewöhnliche Geschwister-Geschichte

Mit der neuen (und neu betitelten) Übersetzung von Adelheid und Jürgen Dormagen zeigt der Zürcher Dörlemann Verlag wieder einmal sein Gespür für großartige, wieder zu entdeckende Werke aus dem Fundus der Weltliteratur. "Die Berglöwin" ist die durch und durch ungewöhnliche Geschichte zweier Geschwister, der anfangs achtjährigen Molly Fawcett und ihres zwei Jahre älteren Bruders Ralph. Beide wachsen – der Roman spielt Ende der 1920er-Jahre – zusammen mit zwei älteren Schwestern im Los Angeles County auf, wohlbehütet von ihrer Mutter, die ihnen kein wirkliches Interesse entgegenbringt.

Molly ist, was Erwachsene so leichtfertig "ein schwieriges Kind" nennen. Sie hält nichts von Konventionen und bringt den Erwachsenen Verachtung entgegen. Auch den Bruder, der auf ihre ersten schriftstellerischen Versuche mit Unverständnis reagiert, trifft ihr Bannstrahl. Leben zieht in den gepflegt langweiligen Haushalt der Fawcetts erst ein, wenn alljährlich der angeheiratete Grandpa Kenyon zu Besuch kommt, ein komisch angezogener, rauchender und trinkender Mann, der zur Begeisterung der Kinder weitschweifig von seinen verschiedenen Farmen erzählt.

Lange freilich hält dieses Glück nicht an. Kenyon stirbt überraschend, und als sein Sohn Claude, der ebenso wenig in die Welt der Fawcetts passt, zur Beerdigung kommt, beschließt der Familienrat, dass Molly und Ralph ihn auf seine Ranch in Colorado begleiten. Ein neuer, ein fremdartiger Kosmos begegnet den beiden, sie machen fordernde Erfahrungen, wachsen heran, aus Kindern werden Jugendliche voller Sehnsüchte.

Großartige Charaktere

Jean Stafford, deren Vertrautheit mit Henry James' und Mark Twains Prosa zu spüren ist, versteht es vorzüglich, das ambivalente Verhältnis der Geschwister auszuleuchten und die Spannung zwischen Nähe und Distanz immer wieder neu zu beleben. Molly, die nicht wenige Züge ihrer Verfasserin abbekommen hat, ist eine großartige Mädchenfigur, ohne dass ihr Bruder Ralph an den erzählerischen Rand gedrängt würde. Während ihre Mutter mit den Schwestern eine Weltreise unternimmt, bildet Molly einen völlig eigenständigen, keinen Konflikt scheuenden Charakter aus. Als sie, die angehende Autorin, dringend eine Schreibmaschine benötigt, schreibt sie Bettelbriefe an Henry Ford und Präsident Hoover – wissend, dass diese Schreiben "völlig unnütz" sind.

Brillant und fein gebauter Roman

So ungewöhnlich wie die Heldin ist Jean Staffords brillanter Roman. Dessen furioser, verblüffender Schluss gibt die Bühne frei für die titelgebende Berglöwin, schon damals eine seltene Attraktion. Wie diese zu einem vielschichtigen Symbol wird und was ihr Anblick bei Claude und Ralph auslöst, zeigt noch einmal, wie fein Jean Staffford ihren in nur neun Monaten niedergeschriebenen Roman gebaut hat.

Höchste Zeit, diese Autorin kennenzulernen!

Angaben zum Buch Jean Stafford: Die Berglöwin. Roman
Aus dem Amerikanischen von Adelheid und Jürgen Dormagen
Dörlemann Verlag, Zürich 2020
ISBN 9783038200727
351 Seiten, 25 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. März 2020 | 08:10 Uhr

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