Sachbuch Stefan Wolle zeigt seinen persönlichen Blick auf Ost-Berlin

Der Historiker Stefan Wolle zählt seit drei Jahrzehnten zu den wichtigsten Autoren, die uns die vermeintlich "heile Welt der SED-Diktatur" erklären. In seinem neusten Buch "Ost-Berlin. Biografie einer Hauptstadt", erschienen im März im Ch. Links Verlag zeichnet er die Geschichte seiner "Heimatstadt" von 1945 bis 1990 nach.

Stefan Wolle: Ost-Berlin. Biografie einer Hauptstadt
Bildrechte: Links Verlag

Trotz all der baulichen Veränderungen seit 1990 ist die Hauptstadt der DDR im Stadtbild Berlins auf Schritt und Tritt präsent, erklärt Stefan Wolle im Gespräch mit MDR Kultur. "Für mich persönlich ist Berlin immer noch eine Stadt der gespaltenen Wahrnehmung. Die eine Hälfte, das frühere Ostberlin ist für mich die Stadt, wo ich zur Schule gegangen bin, studiert habe, viele Jahre gearbeitet habe. Da ist jede Ecke mit Erinnerungen verbunden."

Und so teilt die Mauer bis heute die Erinnerungen. In all diesen Jahren ihrer Existenz war das monströse Bauwerk omnipräsent, Westberlin aber zugleich sehr weit entfernt. Um diesen Widerspruch geht es in Stefan Wolles neuem Buch "Ost-Berlin. Biografie einer Hauptstadt". Ost-Berlin war ein Konstrukt des Kalten Kriegs. "Im Grunde eher eine These, als eine Stadt. Und sie hob sich im Hegeleschen Sinn auf, als sie von der Geschichte widerlegt wurde", schreibt Stefan Wolle über die Hauptstadt der DDR, die bis zu seinem 40. Lebensjahr seine Heimatstadt war.

Schaufenster zum Westen

Dabei hatte die SED-Führung Ostberlin erst nach dem Mauerbau zur "Hauptstadt der DDR" erkoren. Die ganzen 50er Jahre hindurch war noch ganz selbstverständlich von der "deutschen Hauptstadt" die Rede. Nicht zuletzt auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht hielt die SED an der Wiedervereinigung fest. Der Sozialismus sowjetischer Prägung – so die feste Überzeugung von Walter Ulbricht und Genossen – werde sich als das überlegene System auch innerhalb Deutschlands historisch durchsetzen. Und so ließ Ulbricht zu Beginn der 50er Jahre im Ostteil der Stadt hinter dem Strausberger Platz die Stalinallee errichten, ein unglaublich ehrgeiziges Projekt, das den einfachen Menschen ein gut versorgtes Leben in hellen, großzügigen Wohnungen versprach. Wie peinlich für die SED Führung, dass ausgerechnet von den Baustellen rund um die Stalinallee am 16. Juni 1953 ein Volksaufstand  gegen das Regime seinen Ausgang nahm.

 Stefan Wolle 25 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Bis 1961 kehrten Zehntausende über die offenen Berliner Sektoren- Grenzen der DDR den Rücken. Insofern war der Mauerbau, wie Egon Bahr als Westberliner Regierungssprecher in den Augusttagen 1961 zu Recht feststellte, ein Eingeständnis der Schwäche und keine Demonstration von Stärke. Aber die Rechnung der SED ging insofern auf, erklärt Stefan Wolle, dass sich die wirtschaftliche und politische Lage in der DDR zunächst stabilisierte.

Das architektonische Zeugnis davon war das neue, schicke Zentrum im Ostteil der Stadt: Der Alexanderplatz mit dem Haus des  Lehrers, der Weltzeituhr und dem Brunnen der Völkerfreundschaft. Und nicht zuletzt sollte der Fernsehturm, eröffnet im Vorfeld des 20. Geburtstages der Republik, von der Modernität der DDR künden.    

Die Welt zu Gast in Berlin

Dr. Stefan Wolle (Wissenschaftlicher Leiter DDR-Museum) am DDR-Museum in Berlin-Mitte.
Stefan Wolle gewährt einen persönlichen Einblick in seine Heimatstadt: Ost-Berlin Bildrechte: IMAGO

Höhepunkt dieser Phase waren 1973 die Weltfestspiel der Jugend, als sich hunderttausende Gäste aus aller Welt rund um den neu gestalteten Alexanderplatz einfanden. Wolle erinnert sich bei MDR KULTUR: "Das äußere Bild war wunderbar. Und viele Jugendliche nahmen sich auch kleine Freiheiten heraus, die vorher unüblichen waren. Wir zeigen im Buch ein Foto, wo es sich Jugendliche auf dem Alexanderplatz auf einer Matte bequem machen. Da wäre in der Zeit davor und eigentlich auch danach sicherlich ein Volkspolizist erschienen und hätte gesagt, 'Bürger weisen Sie sich aus!'."

Es herrschte eine große Ausgelassenheit in diesen Augusttagen. Nicht einmal der Tod Walter Ulbrichts sollte das schöne Bild stören. Wobei die SED das Treiben streng überwachte und zu jeder Zeit im Griff hatte. Nahezu unbemerkt tummelten sich unter den Gästen Tausende Stasi-Mitarbeiter und  Angehörige des Wachregimentes in Zivil. 

Stefan Wolles "Biografie einer Hauptstadt" lebt davon, dass der Autor immer wieder aus persönlichen Erinnerungen schöpft. Wenn er etwa das große Hallo bei den Weltfestspielen beschreibt oder 16 Jahre später die Demonstration gegen die SED am 7. Oktober  89 ins Gedächtnis ruft. Für Stefan Wolle markiert dieser 40. Jahrestag der Republik den Tag des Umschwungs in Ostberlin. 

Am Rande der Feierlichkeiten auf dem Alexanderplatz rund um die Weltzeituhr hat sich gegen 17 Uhr ein Demonstrationszug in Bewegung gesetzt. Von dort zogen mehrere Tausend Leute zum Palast der Republik, wo die Totenfeier für die DDR stattfand – was damals viele ahnten und viele wollten, aber keiner wissen konnte. Und abends als sich dann Gorbatschow zurück nach Moskau begeben hatte, schlug die Stasi ziemlich hart zurück. Die folgende Nacht habe ich auch im Gefängnis verbracht!

Stefan Wolle in "Ost-Berlin"

Melancholie des Abschieds

Am Ende seines Buches erinnert sich Stefan Wolle an die Silvesternacht 1989/90, als er sich auf dem großen Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain einfand, um sich von dort aus das Feuerwerk über der Stadt anzuschauen. Unter den Menschen auf dem Plateau – im Volksmund Mont Klamott genannt – herrschte eine merkwürdige Stimmung: "Nie zuvor war so viel Zukunft – und nie so viel Vergangenheit. Was würde das kommende Jahr bringen?"

Gedankenversunken macht sich der Autor nach dem Feuerwerk mit der Buslinie 57 auf den Weg in die Innenstadt, wo der Abschied vom Alten und der Beginn einer neuen Zeit weniger melancholisch begangen wird: 

Laut hupend schob sich der Bus durch das Menschengewimmel. Vorbei am Französischen  Friedhof zur Scharnhorststraße, wo 28 Jahre lang die Welt zu Ende gewesen war. Die Mauer stand noch, aber sie wirkte sieben Wochen nach ihrer Öffnung, wie ein Fremdkörper, der sinnlos in die Stadt hineingebaut war. Eine neue Stadt war geboren worden, mit einem Berg von Problemen, die sich nach Zerstörung du Teilung selbst finden und neu erfinden musste.

Stefan Wolle in "Ost-Berlin"

Stefan Wolle läuft im letzten Kapitel seines Buches zur Form auf. Gerne hätte man sich mehr davon gewünscht, aber offenbar gab es von Seiten des Verlages die Maßgabe, einen gewissen Umfang nicht zu überschreiten. Ansonsten bleibt Stefan Wolle auch mit dem neuen Buch seinem Markenzeichne treu: Auf stilistisch sehr ansprechende Weise verbindet er Alltagsgeschichte mit der Literatur- und Kulturgeschichte. 

Angaben zum Buch: Stefan Wolle: "Ost-Berlin. Biografie einer Hauptstadt"

Mit 60 Abbildungen von Harald Hauswald. 272 Seiten, erschienen im Christoph Links Verlag.

ISBN: 978-3-96289-084-1

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. April 2020 | 07:10 Uhr

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