Buchkritik "Milchmann" von Anna Burns: Preisgekrönter Roman über den Nordirlandkonflikt

2018 wurde Anna Burns zur Überraschungssiegerin in London, als sie mit ihrem Roman "Milchmann" den renommierten Man Booker Preis gewann – als erste Schriftstellerin aus Nordirland überhaupt. Die bis dahin weitgehend unbekannte Autorin aus Belfast legt, wie in ihren beiden wenig wahrgenommenen Romanen zuvor, auch ihrem dritten Roman "Milchmann" eigene Jugenderfahrungen zugrunde: Sie erzählt aus der Perspektive eines achtzehnjährigen Mädchens vom Aufwachsen in einem katholischen Belfaster Viertel der 1970er-Jahre, als der Bürgerkrieg in Nordirland am blutigsten tobte und Nachbarn einander mit Attentaten, Autobomben, Geiselnahmen und willkürlichen Morden bekämpften.

Anna Burns
Mit "Milchmann" wurde Anna Burns zur Überraschungssiegerin beim Man Booker Prize. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Wie alle Romanfiguren in "Milchmann" trägt auch die Ich-Erzählerin keinen Namen. In ihrer Familie mit neun Geschwistern wird sie nur "Mittelschwester" genannt. Durch ihre aufgeweckte und eigensinnige Stimme lernen wir das gefährliche und permanent alarmbereite Leben in einer "totalitären Enklave" in einer Stadt kennen, die gleichfalls namenlos bleibt, wiewohl die Topografie von Belfast deutlich erkennbar ist. Die Straßen sind Schlachtfelder. Überwachungskameras von Polizei und Armee sind allgegenwärtig. Paramilitärs patrouillieren durch ihre jeweiligen Viertel, IRA-Kämpfer terrorisieren die Zivilbevölkerung und erzwingen gewaltsam deren Unterstützung, auch mittels Femegerichten.

Eine gespaltene Gesellschaft

Die psychopolitische Spaltung der Gesellschaft mit ihrem wechselseitigen Hass und ihren sozialen Zwangsregeln, Tabus, Zugehörigkeitszeichen und tödlichen Feindseligkeitsnormen geht bis ins Absurde. Es gibt Listen verbotener englischer Taufnamen wie Nigel oder George. Es gibt "unsere Läden" und "deren Läden". Wer im falschen Laden einkauft, begeht Verrat. Mehr noch: "Es gab die richtige Butter. Die falsche Butter. Den Treue-Tee. Den Verräter-Tee. Überall und mit allem, was man tat, gab man ein politisches Statement ab, ob man wollte oder nicht", schreibt Anna Burns in ihrem Roman.

Der Gewalt und Paranoia ihrer Umwelt mit ihren ständigen "Waffengefechten und Bombenanschlägen, Konflikten und Krawallen" sucht das Mädchen auszuweichen, indem sie sich mit Bücherlesen in andere Zeiten und Welten versetzt: Sie liest permanent, auch beim Gehen auf der Straße, "immer nur Bücher aus dem neunzehnten Jahrhundert, Bücher aus dem zwanzigsten Jahrhundert mochte ich nicht, weil ich das zwanzigste Jahrhundert nicht mochte".

Die unheimliche Begegnung mit dem Milchmann

Einmal, während sie im Gehen "Ivanhoe" liest, wird sie auf der Straße aus dem Auto heraus vom "Milchmann" angesprochen und zum Mitfahren eingeladen. Der Milchmann ist gar kein Milchmann. Er ist vielmehr ein gefürchteter IRA-Terrorist mit einem langen Attentatsregister und daher Helden-Status im Katholiken-Ghetto, 23 Jahre älter als das Mädchen und verheiratet. Der Milchmann verfolgt sie von da an, mit einer gefährlichen Mischung aus Stalking, Drohung und Anmache.

Beim Joggen im Park drängt er sich ihr als unerwünschter Begleiter auf. Es erschreckt sie, dass er alles über sie, ihre Familie und ihr Leben zu wissen scheint. Er droht ihrem Vielleicht-Freund eine Autobombe an und deutet an, dieser könnte leicht als Denunziant und Verräter gebrandmarkt und erschossen werden. Obwohl der Milchmann das Mädchen nicht berührt, sondern nur mit Worten einschüchtert und in die Enge treibt, zermürbt er sie allmählich. Das Mädchen tut alles, um den Nachstellungen des Milchmanns auszuweichen. Dennoch wird ihr von der Umwelt eine Affäre mit dem Mann angedichtet. Sie wird als Flittchen und Milizen-Groupie abgestempelt. Von ihrer Umwelt wird sie teils geächtet, teils gefürchtet wegen der Macht des Milchmanns.

Soziale Selbstzerstörung

Im Grunde enthalten die Anfangssätze des Romans bereits den ganzen Plot: "Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. Er wurde von einem staatlichen Mordkommando erschossen, und der Tod dieses Mannes war mir herzlich egal." Auf den folgenden 450 Seiten entfaltet sich dieser Handlungskern zum farbigen, detail- und wortreichen Panorama des angstgesteuerten Alltags der Zivilbevölkerung in einer selbstgeschaffenen sektiererischen Sperrzone mit paranoiden Verhaltensregeln und einer Endlos-Schleife von Anschlägen und Gegenanschlägen, von Vergeltung und Gegenvergeltung, von Rache für die Rache an Rache-Attentaten.

Anna Burns
Die nordirische Autorin Anna Burns während der Verleihung des britischen Man Booker Prize Bildrechte: imago/i Images

Doch der Autorin Anna Burns ist es nicht primär um die Darstellung der politischen Unruhen als solchen zu tun. Trotz aller Detailgenauigkeit ist "Milchmann" kein polit-historischer Dokumentarroman über die so genannten nordirischen "Troubles". Anna Burns interessiert sich vielmehr für das Modellhafte an der nordirischen Situation – für das, was sich beispielhaft auf jeden anderen zivilen Konfliktherd auf der Welt übertragen lässt. Ihr Thema ist die kollektive soziale Deformation in einer geschlossenen Gesellschaft im Belagerungszustand. Sie zeigt die selbstzerstörerischen Feindseligkeitsstrukturen, die sich innerhalb eines solchen Sperrbezirks aufbauen. Das Setting selbst ist destruktiv; es zersetzt das soziale Geflecht und schürt den Hass auf alles jenseits der Barrikaden. Die Polarisierung in der Gesellschaft wird hier in ihren extremen Konsequenzen exemplarisch vorgeführt.

Mit klarem Blick beschreibt "Mittelschwester", wie die absolute soziale Kontrolle und nachbarschaftliche Total-Überwachung in ihrem abgeschotteten Sperrbezirk die Wahrnehmung verzerrt und Gerüchte, Falschmeldungen, Hysterien und Ängste ausbrütet. Jeder wird beobachtet und beargwöhnt, jeder kann in Verdacht geraten, über jeden können die abenteuerlichsten Lügen verbreitet und geglaubt werden, jeder kann jederzeit erschossen werden – von den Guerillas der Gegenseite oder den Soldaten oder den eigenen Leuten. Und wer erschossen wurde, kann als Märtyrer gelten oder als Verräter, denn die Unterschiede verschwimmen, so verhetzt, wie die Eingeschlossenen sind. Und die Außenwelt jenseits der Barrikaden ist Feindesland, "no-go-area": Dorthin zu flüchten, gilt als todeswürdiger Verrat.

Feministische Stimme des Widerstands

Am gefährlichsten lebt, wer als Einzelgänger und Abweichler auffällt, weil er sich nicht den aberwitzigen Regeln der allgemeinen Paranoia unterwirft. Ein Mädchen, das auf der Straße im Gehen Romane liest, gilt da schon als verdächtige asoziale Außenseiterin. Erst recht, wenn sie sich dem verordneten Frauenbild widersetzt, wonach man "mit sechzehn zu heiraten, ab siebzehn Babys zu kriegen und sich mit zwanzig zum Sterben vor den Fernseher auf die Couch zu setzen" hat.

Trotzdem regt sich Widerstand. Kleine Rebellionen flackern allenthalben auf. "Themen-Frauen" treffen sich zum Tee, um erste feministische Ideen zu erörtern, die von außen hereinsickern. Englische und irische Sprachschüler lernen in Abendkursen gemeinsam Französisch und die Schönheit von Nuancen und Ambivalenzen zu schätzen. Die Leute missachten das Spitalverbot und gehen mit ihren Schusswunden ins Krankenhaus, statt sich von Parteigängern in Hinterzimmern verarzten zu lassen.

All dies berichtet uns die Stimme von Mittelschwester. Diese Stimme bestrickt den Leser vom ersten Satz weg. Die Stimme dieser Achtzehnjährigen ist skeptisch, eigensinnig und klug, abwechselnd aufsässig oder niedergeschlagen, spöttisch oder grübelnd, trotzig oder eingeschüchtert, doch immer voll unerschrockener Weltneugier und Klarsicht. Es ist die Stimme der Vernunft und der Widersetzlichkeit. Kritisch taxiert das Mädchen ihre Umwelt und findet sie rundum unbekömmlich – verrückt, verbohrt, lebensgefährlich. So kann und will sie nicht leben. Sie hat sich aus Büchern autodidaktisch freies Denken beigebracht. Jetzt erhebt sie ihre Stimme mit Witz und Spott über das verbohrte klaustrophobische Hassgemurmel ringsum. Sie ist es, die das letzte Wort hat.

Anna Burns: "Milchmann"
Bildrechte: Tropen Verlag

Mehr Infos zum Buch Anna Burns: "Milchmann"
Roman
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Tropen Verlag, Stuttgart 2020.
ISBN: 978-3-608-50468-2
452 Seiten
25 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2020 | 08:10 Uhr