Buch-Rezension Rachel Cusks Operation am offenen Herzen: "Danach – Über Ehe und Trennung"

Rachel Cusk analysiert die Kollateralschäden des familiären Zusammenlebens. Dabei ist ihr autobiographisches Buch "Aftermath" kein selbstentblößerischer Akt. Ihre Form des Erinnerns gleicht vielmehr einer mikrochirurgischen Operation, die Unerwartetes freilegt. Sie sezierte die Mythen des Mutterseins in "A Life's Work. Of Becoming a Mother". Drastisch rechnet sie in "Aftermath" mit ihrer Ehe ab. Nach ihrer Romantrilogie "Outline", "Transit" und "Kudos" erscheint "Aftermath" nun auf Deutsch: "Danach".

Rachel Cusk: Danach. Über Ehe und Trennung
"Rachel Cusk: Danach." erscheint jetzt auf Deutsch. Bildrechte: Suhrkamp

Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, in Los Angeles aufgewachsen und seit langem in Englang lebend, hat ein feines Gespür für die langsam aufkeimenden Vorbehalte gegen den eigenen Alltag und die Kollateralschäden des familiären Zusammenlebens. In ihrem Roman "Outline", dem ersten Teil einer grandiosen Trilogie, begegnen wir zum ersten Mal der Erzählerin Faye – und erfahren, zumindest auf direktem Wege, nichts über sie. Ihre Geschichte spiegelt sich alleine in den Erzählungen der Menschen, denen sie begegnet. "Outline" ist eine Selbstvergewisserung auf Umwegen. Erst in der Spiegelung entsteht eine Skizze der Erzählerin, die Zeichnung einer nicht resignierten, aber doch von jugendlichen Illusionen geheilten Frau, die aus ihrem früheren Leben und aus der Liebe ausgestoßen ist.

Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, während der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss (...) eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte

aus "Outline" von Rachel Cusk

Aus der Bahn geworfen

Eine Frau und ein Mann sitzen mit dem Rücken zueinander auf den Kanten eines Ehebetts.
Das Buch behandelt das Leben nach einer Scheidung. (Symbol) Bildrechte: IMAGO

Kennt man diesen autobiographisch grundierten Roman, der im Original 2014 erschien, wirkt "Danach – Über Ehe und Trennung" wie eine Vorstufe, ein Luftholen oder ein Anlaufnehmen. Das Buch gehört ins Genre des "personal essay", es ist ein Memoir, das weniger von der Ehe erzählt als eben von der Zeit danach. Und das aus der Perspektive der Frau, aus dem Blickwinkel der aus der Bahn geworfenen Autorin Rachel Cusk.

Kürzlich haben mein Mann und ich uns getrennt, und im Laufe weniger Wochen brach unser gemeinsam gestaltetes Leben auseinander wie ein Puzzle, das in seine Einzelteile zerlegt wird.

aus "Danach" von Rachel Cusk

Das Puzzle ist die vorgegebene Form, die der Formlosigkeit weicht, einem eigentlich nicht vorgesehenen Zustand, denn die Ideologie der Heiligen Familie hat sich über die Jahrhunderte so sehr eingeschrieben ins Bewusstsein, dass es kaum einen Ausbruch daraus geben kann. Cusk hadert mit dem neuen Zustand, der erheblich mehr Fragen aufwirft, als sie zu beantworten vermag.

Alles kehrt sich um, es gibt kein Wahr und kein Falsch

Eine Papierkette zeigt eine Familie.
Die Scheidung reißt auch eine Famillie auseinander. Bildrechte: Colourbox.de

Ihr Mann hatte seinen Job als Anwalt aufgegeben, um sich um die beiden Töchter zu kümmern und seiner Frau das Weiterschreiben zu ermöglichen. Jetzt kehrt sich alles um. Die Autorin pocht auf ihre Rechte als Mutter, möchte die Kinder alleine bei und für sich behalten. Der Schmerz der Trennung schlägt um in ein Gefühl von Verlorenheit.

Rachel Cusk gibt keine Erklärungen: Wir erfahren nichts über den Verlauf der Ehe, kaum etwas über die Gründe des Auseinanderbrechens. Das Chaos regiert. Was sich auch in der vermeintlichen Formlosigkeit des Buches zeigt: Alltagsepisoden aus dem neuen Leben stehen neben Exkursen zur "Orestie", in der das gegenwärtige Wahrnehmen einen Rahmen erhält; das Ziehen eines Backenzahns bekommt etwas Symptomatisches; die Besuche bei dem Therapeuten Y sind verwoben in die zermürbenden Gespräche mit X (dem Ex) und der glücklosen Kommunikation mit einem neuen Mann Z. Das Selbstverständnis als Frau ist in eine Schwebe geraten, die Frage, was feministisch sei, welche Rolle das Geschlechterverhältnis spielt, blitzt immer wieder auf.

Ich sage [Y], dass ich für die Lehre der Selbstliebe keine Zeit habe. Die Selbstliebe ist ein windstiller, urzeitlicher Sumpf, in dem ich nicht festsitzen will. Was er Grausamkeit nennt, ist für mich die Kunst der Selbstkritik. Eine Frau, die sich selbst liebt, ist schutzlos. Sie wird überfallen, in Ketten gelegt und dort im Ursumpf zurückgelassen, wo sie sich um den Verstand lieben kann. Y schaut auf seine Uhr. Wir müssen jetzt Schluss machen, sagt er.

aus "Danach" von Rachel Cusk

Das Schönste und Traurigste, das Provokative an diesem fordernden, herausfordernden Buch – es gibt keine Eindeutigkeit, keine Gerechtigkeit, kein Wahr und Falsch. Nichts scheint hier nachvollziehbar. Es ist eine Offenheit darin zu spüren, die doch das meiste verdeckt. Wir kommen den Protagonisten – Rachel Cusk selbst und schon gar ihrem Mann – keinen Schritt näher.

Auf der Suche nach einer neuen Form

Es gibt Denkbewegungen in diesem Buch, die für sich genommen klug und manchmal geradezu erhellend sind, bilderreich und sprachlich brillant – auch großartig übersetzt von Eva Bonné. Aber wenn überhaupt, dann illustrieren sie diesen Moment der Leere, der verzweifelt gefüllt werden muss. In der neuen Formlosigkeit sucht der Essay nach Form, und er findet sie nur in der antiken Sagenwelt oder in kleinen Anekdoten, die scheinbar zusammenhanglos erzählt werden.

Am Ende findet das Buch zu einer anderen Haltung: Der letzte Teil mündet in eine fast klassische Geschichte, die einen Perspektivwechsel ermöglicht. Um die Konstellation, in der die Autorin steckt, wird ein Umriss gezeichnet, der die Konturen klarer erkennen lässt. Nach dem "Danach" kommt eine neue Art des Erzählens.

Rachel Cusk: Danach. Über Ehe und Trennung
Bildrechte: Suhrkamp

Angaben zum Buch Rachel Cusk: Danach – Über Ehe und Trennung
In der deutschen Übersetzung von Eva Bonné
Suhrkamp, 187 Seiten
Gepl. Erscheinen: 18.05.2020
ISBN: 978-3-518-42914-3
Preis: 22,00 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Mai 2020 | 08:40 Uhr