Vier Albenempfehlungen Das ist die perfekte Musik in der Corona-Krise

Musik kann eine heilsame Wirkung haben, die einen wieder Hören und Sehen lässt – nicht nur, aber gerade auch in Krisenzeiten. Besonders gut geht das mit Klassikern von Miles Davis bis Bill Withers. Deren legendäre Kompositionen treffen gerade jetzt den richtigen Ton. Diese vier Alben sollten Sie sich anhören.

Eine junge Frau mit Köpfhörern sieht aus dem Fenster
Gerade jetzt in der Krise wird uns die Kraft der Musik bewusst. Bildrechte: imago images/Westend61

In Krisenzeiten wie diesen, kann man schnell mal die Krise kriegen. Aus vielerlei Gründen. Zu denen jener ganz bestimmte, momentan grassierende Dauersound der Rund-um-die-Uhr-Krisen-News fraglos dazu gehört. Ja, da kann einem schon mal Hören und Sehen vergehen. Allein, weil man kaum anderes mehr hört und sieht. Den Kopf in den Sand zu stecken, hilft allerdings auch dagegen nichts. Ihn wieder etwas freier zu bekommen, indes schon. Wofür kaum etwas besser geeignet ist als Musik. Es muss nur die Richtige sein.

Geschichtenerzähler, Bildermaler, Stimmungszauberer

Was jetzt ganz bewusst mal nicht den ebenfalls grassierenden Stubenhocker-Pop der Stunde meint. Also jene Internet-Flut an Wohnzimmer-Darbietungen meistenteils doch eher begrenzter Halbwertszeit. Zudem hat natürlich auch musikalisch jeder so seine Vorlieben. Die einen favorisieren selbst in Pandemiezeiten den "Highway to Hell", andere entspannen bei Panflöten-Wohlfühlmusik. Das eine putscht hübsch auf, das andere lullt vornehmlich ein. Beides legitim – aber es geht hier um etwas anderes.

Es geht um Musik, die vitalisiert, aber eben nicht aufputscht. Die den Puls dimmt und zugleich die Sinne wachkitzelt. Die eingängig ist, aber nie anbiedernd. Die Souveränität, Klarheit und Gelassenheit verströmt ohne sich in Simplizität zu erschöpfen. Kurz: Es geht um eine kleine Auswahl mit Platten von Musikern, die allesamt große Geschichtenerzähler, Bildermaler, Stimmungszauberer sind. Um Musiker, die keinen aktuellen Schnellschuss markieren, sondern über Dekaden zu Klassikern reiften. Und mit denen man allemal gut durch den Tag und die Nacht kommt. Nicht nur, aber gerade auch in Krisenzeiten.

Es geht um Musik, die vitalisiert, aber eben nicht aufputscht. Die den Puls dimmt und zugleich die Sinne wachkitzelt. Die eingängig ist, aber nie anbiedernd.

Steffen Georgi, MDR KULTUR

Von Bill Withers bis Van Morrison

Der amerikanische Sänger und Songwriter Bill Withers bei einem Auftritt in Offenbach am 1. Dezember 1973
Der amerikanische Sänger und Songwriter Bill Withers bei einem Konzert 1973. Bildrechte: dpa

Es geht um Stücke wie "Lean On Me". Den Soul-Klassiker des kürzlich im Alter von 81 Jahren an einem Herzleiden verstorbenen Bill Withers. 1972 erschienen, erfährt der Song jetzt eine große Renaissance. Kursierte er anfänglich vor allem bei New Yorker Krankenhaus-Pflegekräften als mentale Kraftquelle im Kampf gegen Corona, ist "Lean On Me" inzwischen so etwas wie die "inoffizielle Hymne" in diesen Pandemie-Zeiten geworden. Eine erstaunlich gute Wahl, ist der Song doch eine getragene, sehr persönliche und dabei selten unprätentiöse und pathosfreie Beschwörung von Solidarität und Hoffnung. Wozu die samtig lässige Stimme Bill Withers fraglos beiträgt. Dessen "Lovely Day" ist ein weiterer seiner großen Hits – und der optimalste Song überhaupt, um gut in den Tag zu starten. Mit wenigen, dafür schönen Worten für die Geliebte und einer Melodie, die das beschwingte Wohlgefühl eines lichtdurchfluteten Frühlingsmorgens verbreitet.

Etwas, das auch Van Morrison auf seinem 1970er "Moondance"-Album mit Bravour schafft. Dass der Titelsong eine Nachtstimmung unter sternenklarem Oktoberhimmel besingt, ändert daran nicht das Geringste. Denn wie sich auf "Moondance" die Klangfarben des R'n'B mit Countryfolk und ein paar Tupfern Jazz aquarellgleich vermischen, ist bis heute von unverminderter Frische und Leuchtkraft. Er kenne keine "deutlichere, fühlbarere, hörbarere, erfahrbarere Musik als diese" – so schwärmte einst Filmregisseur Wim Wenders und vergleicht diese Musik in ihrer Wirkung mit der mancher Bilder in alten amerikanischen Western. Zu recht. "Just like way back in the days of old" singt Morrison. Und beschwört immer wieder Landschaften, Gesichter, Gefühle. Und das ganz frei von falscher Nostalgie, tief atmend und wie im Vorbeigehen.

Verheißungen zwischen Sonnenuntergang und Nachtblau

Im Vorbeigehen bewegte wohl tatsächlich auch das "Girl From Ipanema" den Brasilianer Antônio Carlos Jobim zu seiner legendären Komposition, die 1964 auf dem nicht minder legendären Album "Getz/Gilberto" erschien. Neben Jobim am Piano sind darauf auch noch Sten Getz am Saxofon, João Gilberto an der Gitarre und dessen Frau, die Sängerin Astrud Gilberto, zu hören. Insgesamt lassen sieben tiefenentspannte Spitzenmusiker acht jazzige Bossa-Nova-Stücke aufeinanderfolgen, die ihrerseits allesamt maximal tiefenentspannt klingen – und zugleich doch auch sinnlich pulsieren. Das ist wie ein tänzelndes Schlendern, ein sonnendurchwärmtes Flanieren auf der Strandpromenade. Hellwach und verträumt, lethargisch und erotisch in einem. Das Musik gewordene Versprechen eines hypnotischen Sonnenuntergangs – und jener Stunden danach, die hier verheißungsvoll als die der "Quiet Nights of Quiet Stars" besungen werden.

Der Jazztrompeter Miles Davis
Der Jazztrompeter Miles Davis Bildrechte: imago/Leemage

Zur krönenden Vollendung solcher stillen Sternennächte, kommt dann aber tatsächlich nur eine Platte in Frage: Miles Davis' "Kind of Blue"-Album. 1959 an nur zwei Tagen eingespielt, gehört es in seiner atemberaubenden Vollkommenheit zu den Meisterwerken der Musikgeschichte. Ein "Inbegriff des Coolen" (Bob Dylan über Davis) ist "Kind of Blue" doch auch lyrisch, ist filigran in seiner Souveränität, tröstend in seiner Melancholie. Und zeitlos auch in dem Sinne, dass man beim Hören die Zeit vergisst und in einen Schwebezustand milder Trance tief hinein driftet in diese nuancierten Klangschattierungen in Nachtblau. Jeder der an "Kind of Blue" beteiligten Musiker – sie gehören zu den Größten des Jazz – bewahrt dabei seine stilistische Individualität. Und doch fügt sich alles geradezu traumwandlerisch zu einem gemeinsamen Ganzen. Darin schwingt durchaus was von einer wahrgewordenen Utopie. Einer, die nicht zuletzt die Ohren und Augen öffnet, die Perspektiven weitet. Und auch dadurch Gelassenheit schenkt: "So what!" heißt das erste Stück auf "Kind of Blue". Eine Ansage, die keine weiteren Worte mehr braucht. Es sei denn Gesungene. Vielleicht noch mal welche von Van Morrison: "And the Healing Has Begun" würde gut passen. Als schöner Start in den nächsten Tag.

Mehr Infos zu den genannten Alben Bill Withers: "Lean On Me: The Best Of Bill Withers"
Van Morrison: "Moondance"
(Das am Ende erwähnte "And The Healing Has Begun" befindet sich auf dem 1979er-Album "Into the Music")
Stan Getz und João Gilberto mit Antônio Carlos Jobim: "Getz/Gilberto"
Miles Davis: "Kind of Blue"

Mehr Kultur für Zuhause

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. März 2020 | 13:10 Uhr