Neues Album Lady Gaga, die Ratgeber-Tante vom Planeten Achtsam

Lady Gaga hat ihr neues Album "Chromatica" nach eigenen Worten gemacht, um die Welt zu beglücken. Dafür hat sie sich prominente Gäste wie Elton John und Ariana Grande ins Studio geholt. Herausgekommen ist aber nur austauschbarer Zeitgeist-Pop, findet unser Kritiker.

Lady Gaga, 2018
Lady Gaga am Flügel. Ob sie weiß, dass dieses Instrument auf deutsch tatsächlich so heißt, wie es aussieht? Bildrechte: Getty Images

Zane Howe heißt der Mann. Da sitzt er, ein von der Firma Apple bezahlter Kaufjournalist, und, nun ja, interviewt Lady Gaga. Er ist ein echter Aficionado, hängt an ihren Lippen, nickt connaisseurisch, und ja, direkt das erste Stück, das sei ganz große Musik, eins der schönsten, ja herzzerreißendsten Streicherarrangements, die er seit langer, langer Zeit gehört habe. Lady Gaga ist ganz in Rosa gekommen, rosa Haare, rosa Shirt, rosa Porno-Stachelhalsband, und hält sich auch nicht lange mit Bescheidenheiten auf:

Ich habe diese Platte nicht für mich gemacht, sondern für die Welt.

Lady Gaga

Pop zur Heilung der Welt

Unter gagalomanisch und gagantuesk macht sie es eben nicht. Stefani Joanne Angelina Germanotta, die seit anno 2008 als Lady Gaga firmiert, erklärt alle naselang, dass sie der Welt zur Heilung verhelfen will, dass der Dancefloor in Wirklichkeit eine alternative Praxis ist, wo Dr. Gaga die auch von Angela Merkel so oft beschworenen "Menschen" mit dem Schönen, Wahren und Guten therapiert. Wer sich früher zwanghaft ritzen musste, um seinen Seelenschmerz zu betäuben, kann sich jetzt mit Elektro-Buffta sedieren.

Man sollte das ernst nehmen. Der homosexuelle britische Musikjournalist Brian O'Flynn hat das Wirken der Lady Gaga so zusammengefasst: "Sie hat den Mainstream wieder queer gemacht, nachdem er in die heteronormative Ödnis zurückverfallen war."

Tatsächlich gilt Gaga seit weltweiten Monsterhits wie "Born This Way" als Schutzherrin aller Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender, die seit ein paar Jährchen unter dem Kürzel LGBTQ zusammengefasst werden. Dass der Geschlechtsidentitäten-Drops nach Bowie, Prince, Madonna oder, ja, Ricky Martin, längst gelutscht war? Woher, bitte, hätten die nach 1990 Geborenen das auch wissen sollen?

Komplett austauschbare Musik

Aber letztlich geht es hier gar nicht um Musik – in Gagas Fall also um komplett austauschbares 4-to-the-Floor-Geklotze, das David Guetta und Kylie Minogue, Eurovisions-Stimmung und DSDS-Geplärre in nachgerade genialischer Zeitgeistigkeit verlötet.

Und nicht wenige haben auch die Inszenierung der Lady Gaga leicht falsch gedeutet: Hinter den extravaganten Outfits der gefeierten Performance-Künstlerin verbirgt sich tatsächlich die Ratgeber-Tante vom Planeten Achtsam, die von Selbstfindung und anderen ungeahnten Dingen kündet: "Ich hoffe, dass meine Musik Menschen inspiriert, denen ich Freude schenken und sie zum Tanzen bringen will. Jeder soll sich so annehmen, wie er ist – ich nenne das radikale Akzeptanz."

Lady Gaga, die Ratgeber-Tante vom Planeten Achtsam

Eine modernere Message kann es nicht geben. Ich bin okay, du bist okay, Bäumchen wechsle dich, Glaub an dich selbst, likst du mich, like ich dich, und jetzt lasst uns endlich Caren und Sharen.

Auf "Chromatica" macht sie sich mit geballter Faust sogar für ein Standardgeschlecht stark, wenn sie auf "Free Woman" singt: "Ich bin auch wer, wenn ich keinen Mann habe/ Ich bin eine freie Frau." Ihr Interviewer von Apple TV konnte nur staunen: "Was für ein starkes Statement!" Worauf Lady Gaga ihn irgendwie argwöhnisch musterte. Als ob ihm dringend geholfen werden müsse.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Mai 2020 | 17:15 Uhr