Premiere Musical "Cabaret" in Dessau – ein richtig großer Abend

Mit seiner Thematik, die offenbar gut in die Zeit passt, ist der Musical-Klassiker "Cabaret" derzeit auf den Spielplänen in Mitteldeutschland ziemlich präsent. Nach Inszenierungen in Nordhausen, Altenburg-Gera, Dresden und Halle erlebte das Stück am Freitag auf der Bühne des Anhaltischen Theaters seine Premiere – eine ziemlich gelungene, findet MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling.

Szene aus dem Musical Cabaret am Anhaltinischen Theater in Dessau
Vielerorts zu sehen, nun auch in Dessau: das Musical "Cabaret". Bildrechte: Claudia Heysel

MDR KULTUR: Wolfgang Schilling, Sie haben "Cabaret" auf mehreren Bühnen in der Region bereits gesehen. Ist das Stück so aktuell?

Wolfgang Schilling: Ja, das ist offensichtlich so. Wobei ich mich dagegen wehre, die Verhältnisse in Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre mit denen von heute eins zu eins gleichzusetzen. Da gibt es schon wichtige Unterschiede. Die intelligenten Aufführungen – eine solche war in Dessau zu sehen – wissen auch, die richtigen Zeichen zu setzen. Aber ja, es hat sich in unserer Zeit etwas zum Unguten verändert. Als ich zum Beispiel die Premiere des Stücks Ende Oktober in Halle gesehen habe, lag der Mordanschlag in der Stadt zwei Wochen zurück. Jetzt reden wir über den von Hanau.

Hatten diese Ereignisse eine Auswirkung auf die Inszenierung?

Nicht in dem Sinne, dass man ein politisches Statement eingebaut hätte oder ein in die Richtung gehendes künstlerisches Zeichen. Das ist auch nicht nötig, weil dieses Stück alles liefert, alles bereithält, was zu sagen ist. Dass es darum geht, das humane Ideal von Toleranz und Akzeptanz als das wirklich wichtige im Leben hochzuhalten. Als den Schatz, den wir uns bewahren sollten. Kurz gesagt: Das Stück muss nicht tagesaktuell aufgepimpt werden. Die Botschaft erreicht uns auch so. 

Schauen wir auf das Bühnengeschehen in Dessau, eine der größten Bühnen, die es in Mitteldeutschland überhaupt gibt. Zu groß für den kleinen Kit-Kat-Klub aus Cabaret?

Mit diesen Dimensionen hat in Dessau jeder Regisseur zu kämpfen, der nicht gerade eine große Oper auszubreiten hat. Theater- und Opernregisseur Malte Kreuzfeldt macht daraus eine Tugend, indem er seine zweite Profession als Filmemacher und Lichtdesigner zum Tragen bringt. Die Vorlage des Musicals, das Stück "Ich bin eine Kamera, gewissermaßen beim Wort. Kreuzfdeldt bringt nicht nur eine, sondern gleich vier Kameras auf der Bühne zum Einsatz. Ein insgesamt achtköpfiges Filmteam ist immer präsent auf der Bühne und produziert sozusagen live einen Film, der auf einer bühnenbreiten Leinwand knapp über den Akteuren zu sehen ist.

Szene aus dem Musical Cabaret am Anhaltinischen Theater in Dessau
Doppeltes Geschehen: live auf der Bühne und knapp über den Darstellern auf großer Leinwand. Bildrechte: Claudia Heysel

Das Geschehen verdoppelt sich sozusagen: Unten auf der Bühne kann ich die Totale sehen, oben auf der Leinwand eine Schnittfassung aus den verschiedensten Perspektiven. Das ermöglicht auch rasante Szenenwechsel, in dem etwa auf der Leinwand schon Darsteller und Räume zu sehen sind, die via Drehbühne erst ein paar Momente später Wirklichkeit werden. Ich bin grundsätzlich kein Freund von diesen Videospielereien beim Theater, aber wenn ein so komplexes und intelligentes Konzept dahintersteckt, dann funktioniert es und findet meinen ungeteilten Beifall. Zumal dieses Filmteams äußerst professionelle und nicht im Wegstehende Arbeit geleistet hat. Gute Idee, hervorragend umgesetzt.

Und doch funktioniert nichts ohne die Schauspieler. Wie schlagen die sich?

Durch die Bank großartig. Zumal bis auf Benjamin Krüger, den Darsteller des Cliff Bradshaw, und drei musicalerfahrene Kit-Kat-Girls, alles hauseigene Kräfte sind. Und sie agieren in doppelter Mission: nach unten ins Publikum, das sie auf natürliche Weise erreichen müssen und wie Filmschauspieler, deren kleinste Mimiken und Gesten ganz groß in Breitwand zu sehen sind. Das macht manches leichter, aber es besteht auch die Gefahr, zu überagieren. Doch das geschieht nie. Da hat der Regisseur wieder das richtige Händchen.

Natürlich wird auch gesungen. Was ist da zu hören?

Eine nicht immer ganz perfekte Tonanlage. Gesungen wird natürlich Mikroportverstärkt – zur Livemusik aus dem Graben. Das mulmt mitunter etwas. Der eine oder andere Bühnenkuss landete im Premierenübereifer schon mal mit ordentlichen Plop auf dem Mikro des Partners. Aber das sind ganz kleine Mäkeleien, die ich hier anbringe, weil es sonst überhaupt nichts zu meckern gibt.

Das ist Sally Bowles, gespielt von der jungen Schauspielerin Mirjana Milosavljevic. Keine Liza Minelli wie in der Filmversion von 1972. Zum Glück versucht auch niemand, sie so aussehen zu lassen. Aber wenn sie dann singt, zum Beispiel gegen Ende das berühmte "Maybe this Time" – ganz allein im Bühnendunkel am Mikrofon und ganz groß im Gegenlicht oben auf der Leinwand – dann ist das ihr ganz persönlicher Gänsehauteffekt.

Szene aus dem Musical Cabaret am Anhaltinischen Theater in Dessau
Die junge Schauspielerin Mirjana Milosavljevic als Sally Bowles Bildrechte: Claudia Heysel

Christel Ortmann und Dirk S. Greis als Fräulein Schneider und der jüdische Obsthändler Herr Schulz entehen Die beiden entgehen jeglicher Kitschgefahr, die da lauert, weil sie der Sache auf den menschlichen Kern kommen und den richtigen Ton treffen, nicht nur im Sinne der Melodie.

Und, nicht zu vergessen, der Conférencier, denn der kleine Roman Weltzien fast im Stil des legendären Ekel Alfreds als Showman gibt, sehr zurückgenommen in der der Rolle eigenen Extrovertiertheit. Eher wie ein Skakespearscher Narr, der uns durch die Handlung führt. Ganz am Ende setzt er mit seinem "Willkommen, Welcome, Bienvenue" dann sein Zeichen, so im Sinne: He Leute, das kann ich auch.

Ihr Fazit des Abends?

Wenn der Tanz auf dem Vulkan zu Ende ist, steht das riesige Ensemble mit den bereits Genannten und den Tänzern und Sängern von Opernchor und Ballettensemble da, ganz ruhig. Menschen sind das. Aus mehr als 20 Ländern, wie im Programmheft zu lesen ist. Sie wissen miteinander auszukommen und leisten dabei etwas Großartiges. Es ist ihre Botschaft an uns, das Publikum, das auch zu schaffen. Unterm Strich, ein richtig großer Abend in Dessau.   

Informationen zum Stück: "Cabaret" – Musical in zwei Akten
von Fred Ebb und John Kander

Musikalische Leitung: Wolfgang Kluge
Inszenierung und Bühne: Malte Kreutzfeldt
Choreografie: Gabriel Galindez Cruz

Mit: Roman Weltzien, Mirjana Milosavljević, Benjamin Krüger, u.a.
Dauer: ca. 2 Stunden 45 Minuten — eine Pause

Weitere Aufführungstermine:
Fr, 13.3.2020 – 19.30 Uhr 
Sa, 21.3.2020 – 17 Uhr 
So, 12.4.2020 – 17 Uhr
So, 26.4.2020 – 16 Uhr
Sa, 16.5.2020 – 19 Uhr 
So, 7.6.2020 – 17 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Februar 2020 | 12:15 Uhr