Sachbuchkritik Karl Schlögel riecht sich durch die Sowjet-Geschichte

Sachbuchautor Karl Schlögel findet, in der Geschichtsschreibung werde zu wenig gerochen. In "Der Duft der Imperien" erzählt er deshalb sowjetische Geschichte anhand zweier Parfums: "Chanel Nº 5" und "Rotes Moskau".

Karl Schlögel, Preisträger 2018 im Bereich Sachbuch des Preises der Leipziger Buchmesse, am Stand von MDR KULTUR  - 15.3.2018
Karl Schlögel Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Der Ausgangspunkt des Buches ist überraschend: das legendäre "Chanel Nº 5" und ein sowjetisches Parfum namens "Rotes Moskau", das sowjetische Parfum schlechthin, haben eine gemeinsame Wurzel. Beide gingen aus der boomenden Kosmetik-Branche des vorrevolutionären Russlands hervor, beide gehen auf einen Duft zurück, der 1913 zum 300. Kronjubiläum der Romanows kreiert wurde. Der Historiker Karl Schlögel schildert in seinem Buch einerseits, wie genau es dazu kam, andererseits ist das für ihn nur der Startpunkt einer das gesamte 20. Jahrhundert umspannenden Geschichte.

Dieses Buch ist eine Kunst- und Kulturgeschichte, eine Geschichte der Sowjetunion, es erzählt Biografien – diese reichlich 200 Seiten sind prall gefüllt mit Informationen, mit Zahlen, Namen, mit Kunst, mit Geschichte – das ist bereichernd, streckenweise aber auch etwas sprunghaft und herausfordernd.

Der Geruch von Epochen

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien
Der Schwerpunkt in Karl Schlögels "Duft der Imperien" liegt auf Russland und Frankreich. Bildrechte: Hanser

Karl Schlögel schreibt, es werde zu wenig gerochen in der Geschichtsschreibung. Kant hat den Geruchssinn als den "entbehrlichsten" aller Sinne bezeichnet, und Schlögel versucht in diesem Buch sozusagen, den Geruchssinn in der Wissenschaft zu rehabilitieren. Was nicht ganz einfach ist, weil Gerüche bekanntlich verfliegen und rückblickend nur erinnert oder beschrieben werden können.

Dabei entsteht eine "olfaktorische Lyrik"; die Kopfnote des "Chanel Nº 5"-Vorgänger-Parfums wird im Buch zum Beispiel beschrieben als "mit typischen Anklängen an wachsige Rosenblätter und Orangenschalen sowie hesperidisch-zitrusartigen Facetten, … einer Jasmin-Komponente …, einer pudiert-voluminösen Veilchennote …" und noch dutzenden weiteren Attributen. Karl Schlögel bleibt da zum Glück nicht stehen, sondern bezieht die Geschichte ein: den Pulverdampf der Revolution oder den Gestank der Kriege, der Verbannung, der Lager. Er verlinkt Gerüche mit Zeiten Epochen, Orten.

Ein Alltagsbeispiel dafür ist der typische Intershop-Geruch, den in der DDR jeder kannte und den es heute scheinbar nicht mehr gibt. Wahrscheinlich riecht jetzt jedes Geschäft so, und wir nehmen das deshalb nicht mehr als außergewöhnlich wahr.

Schwerpunkt auf Frankreich und Russland

Der inhaltliche Schwerpunkt des "Dufts der Imperien" liegt auf Russland und Frankreich. Schlögel rekonstruiert die Verbindungen dieser beiden Mächte. Er berichtet von den zahlreichen russischen Künstlern, die in Paris Erfolge feiern – Igor Strawinsky, Marc Chagall und viele mehr, und umgekehrt auch von der Faszination, die Russland auf viele Franzosen ausübt.

Sankt Petersburg ist ein Zentrum der Modewelt, und schon vor dem Ersten Weltkrieg existiert eine direkte Zugverbindung nach Paris: der Nord-Express. Moskau und Paris sind eine weitere Achse, die auch noch nach der Revolution von 1917 eine Rolle spielt, etwa in Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita". Da wird dem Publikum am Ende sogar ein Parfum-Flakon präsentiert, wahrscheinlich "Chanel Nº 5".

Diese reichlich 200 Seiten sind prall gefüllt mit Informationen, mit Zahlen, Namen, mit Kunst, mit Geschichte – das ist bereichernd, streckenweise aber auch etwas sprunghaft und herausfordernd.

Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Eine kühne These zu den Ursprüngen zweier Düfte

In Moskau wurden die Grundlagen für die beiden Düfte gelegt, um die es geht. Von zwei verschiedenen Parfümeuren, Ernest Beaux und Auguste Michel, die beide denselben Lehrmeister hatten. Einer der beiden nahm sein Wissen nach der Oktoberrevolution mit nach Paris, wo er 1921 "Chanel Nº 5" schuf, der andere blieb in Russland und kreierte "Rotes Moskau", wobei beide mutmaßlich vom selben Duft ausgingen.

Natürlich wird das eine Mutmaßung bleiben, denn falls es eine Ähnlichkeit der beiden Düfte gab, dann ist sie in der sozialistischen Parfumproduktion der Sowjetunion verloren gegangen. Wie genau der Vorgänger der beiden gerochen hat, das "Bouquet de Catherine" aus dem Jahr 1913, wieviel "Chanel Nº 5" da bereits drin steckt, das weiß man also nicht mehr.

Die These ist daher kühn, aber schadet dem Buch nicht, denn Karl Schlögel genügt dieser Anlass, um am Rande dieser Geschichte viele, teilweise überraschende Entdeckungen zu machen. Etwa die Geschichte der Ehefrau des sowjetischen Außenministers Molotow, Polina Schemtschuschina, die eine Zeit lang Kommissarin für Kosmetik unter Stalin war, später Säuberungsaktionen zum Opfer fiel, jahrelang verbannt wurde und doch Zeit ihres Lebens Stalinistin blieb.

Ihr Leben erzählt Schlögel parallel zum Leben Coco Chanels, die wiederum mit den Nazis kollaborierte. Das wirkt auf den ersten Blick ein bisschen konstruiert, aber das ist Schlögels Schreibprinzip. Er lässt sich in der Geschichte treiben und kommt dabei immer wieder zu den Düften zurück.

Der Duft in der Kunst

Immer wieder streift er dabei auch – mit erstaunlichen Funden – durch die Kunst- und Kulturgeschichte. Kasimir Malewitsch, berühmt unter anderem für sein "Schwarzes Quadrat", hat zuvor unter anderem einen Flakon für ein sowjetisches Parfum namens "Nordlicht" entworfen. Das Parfumdesign hat also auch Kunstgeschichte geschrieben. Was genauso für das sachliche, schnörkellose Design von "Chanel Nº 5" gilt. Das war damals Avantgarde!

Das und mehr gibt es in Schlögels Buch zu entdecken – sehr lesenswert, auch wenn er sich am Ende, bevor er irgendwie bei den Folgen der Auflösung der Sowjetunion für die Kosmetikindustrie landet, ein bisschen verzettelt: mit einem Kapitel über die Schauspielerin Olga Tschechowa, die 1921 nach Deutschland emigriert und nur im Buch ist, weil sie aus Russland stammt und gelernte Kosmetikerin war.

Angaben zum Buch Karl Schlögel: "Der Duft der Imperien. Chanel Nº 5 und Rotes Moskau"
Hanser Verlag
224 Seiten
23 Euro

Mehr von Karl Schlögel

Abonnieren