Rezension "In Zeiten der Ansteckung" – Giordanos Buch als Dokument und Appell

Bestsellerautor Paolo Giordano hat sich früh in die Selbstisolation begeben. Als er sein Buch Ende Februar beginnt, ist in Italien erst ein Mensch an Covid 19 gestorben. Die folgende Katastrophe dokumentiert er sachlich, zugleich liefert er erhellende Reflexionen. "In Zeiten der Ansteckung" ist aber auch ein Appell, eine Einladung zum Nachdenken und vor allem zum Handeln.

Der italiensiche Schriftsteller Paolo Giordano  auf der Buchmesse in Turin 4 min
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Als Bestsellerautor Paolo Giordano sein Buch Ende Februar beginnt, ist in Italien erst ein Mensch an Covid-19 gestorben. Er beobachtet die folgende Katastrophe, vor allem aber äußert er eine Hoffnung!

MDR KULTUR - Das Radio Mo 27.04.2020 13:09Uhr 04:00 min

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Das Coronavirus verbreitet sich schnell und unerkannt. Genau das stellt das Leben der meisten Menschen auf den Kopf. Deswegen heißt der schmale Essayband von Paolo Giordano auch nicht "In Zeiten von Corona", sondern "In Zeiten der Ansteckung": Denn gerade die Verbreitung des Virus führt vor Augen, was die Menschen ausmacht und ob sich etwas ändern sollte.

"Wieder und wieder zählen wir"

Am schwersten hat die Lungenkrankheit Covid-19 in Europa das Land Italien getroffen. Der Autor Paolo Giordano hat sich schon früh in Selbstisolation begeben und begonnen, seine Beobachtungen zur Epidemie aufzuschreiben. Der Italiener ist Doktor der Physik und hat einen Hang zu Zahlen. So beginnt er seinen Text mit einer Einführung in die Epidemiologie: Er rechnet die Ansteckungskurve durch und wie die Sterberaten zustande kommen. Giordano erzählt, wie er täglich nach den neuesten Zahlen sucht:

"Weil wir in Zeiten der Ansteckung nichts anderes tun als zählen. Wir zählen die Infizierten und die Genesenen, wir zählen die Toten, die Krankenhauseinweisungen und die ausgefallenen Schulstunden, wir zählen die an den Börsen verbrannten Milliarden. Wieder und wieder zählen wir die Tage, vor allem jene, die uns von dem Zeitpunkt trennen, da diese Notsituation vorüber sein wird."

Persönliche Erinnerungen und Reflexionen

 Paolo Giordano: In Zeiten der Ansteckung - Buch-Cover
80 Seiten, geschrieben während der Pandemie Bildrechte: Rowohlt-Verlag

Bereits in seinem erfolgreichen Debütroman "Die Einsamkeit der Primzahlen" überzeugte Giordano mit einem geradlinigen Stil. Auch im vorliegenden Essayband ist die Sprache einfach und deutlich. Doch der Autor doziert nicht einfach abstrakt. Immer wieder holt er Kindheitserinnerungen hervor oder beschreibt sein Umfeld: Beispielsweise wie sich Giordano noch vor der Ausgangssperre mit Freunden traf. Er erzählt, dass er sich dabei mit seinen Ansichten zurückhielt, weil er die Stimmung nicht stören und als Schwarzmaler gesehen werden wollte. Gleichzeitig vergewissert er sich nun mit diesem Text, dass er von Anfang an Recht hatte:

Die Epidemie zwingt uns zu einer Anstrengung unserer Vorstellungskraft, die wir in normalen Zeiten nicht gewohnt sind: uns unauflöslich mit den anderen verbunden zu sehen und sie bei unseren individuellen Entscheidungen zu berücksichtigen. In Zeiten der Ansteckung sind wir ein einziger Organismus. In Zeiten der Ansteckung werden wir wieder zur Gemeinschaft.

Paolo Giordano, Autor

Fake News schneller als das Virus?

Viele seiner Aussagen sind schon aus den sozialen Medien und Zeitungen bekannt. Der interessierte Leser fragt sich vielleicht, ob es dieses Buch nicht schon einige Wochen früher gebraucht hätte, um den Menschen die Selbstisolation zu erklären. Doch Giordano geht noch etwas weiter und versucht, die sozialen Implikationen darzustellen: Wir seien heute vernetzter als jemals zuvor, was zur Verbreitung einer Krankheit beitrage. Gleichzeitig beschreibt Giordano, dass viele Menschen sich den komplexen Wahrheiten nicht stellen wollen. Er beschreibt, dass sich verkürzte und falsche Meldungen schneller als das Virus verbreiten.

Einladung zum Nachdenken an die "invasivste Spezies"

Dabei kann laut dem Physiker gerade die Zeit der Ansteckung zu neuen Erkenntnissen verhelfen: "Die Epidemie ist also eine Einladung zum Nachdenken. Dass wir nicht nur Teil der menschlichen Gemeinschaft sind. Wir sind auch die invasivste Spezies in einem zerbrechlichen und großartigen Ökosystem."

Viele Politiker in Europa haben den Krieg gegen das Virus ausgerufen. Für Giordano hingegen steht fest, dass die Menschheit selbst der Aggressor ist. Der Raubbau an der Natur rüttelt Krankheiten auf, die zuvor in ihren Nischen lebten. Ihres Lebensraums beraubt, suchen sich Viren einen neuen Wirt und wählen die prosperierendste Spezies: den Menschen. Er bleibt auch die größte Sorge für Giordano.

Ich habe Angst vor der Vernichtung, aber auch vor ihrem Gegenteil: dass die Angst vorübergeht, ohne eine Veränderung zu hinterlassen.

Paolo Giordano, Autor

Doch was wird nach der Krise von diesem Buch bleiben? Sicherlich wird es einmal ein historisches Dokument sein. Doch vor allem ist es ein Aufruf zu einem Umdenken. Giordano verlangt im Kampf gegen den Virus eine bessere Informationspolitik und mehr Gemeinschaftssinn. Er fordert mehr Rücksicht auf die Natur, ehe das nächste Virus ausbricht. Bereits nach der Spanischen Grippe vor 100 Jahren warnten Wissenschaftler davor, dass es bald noch schlimmere Krankheiten geben könnte. Dass es wieder 100 Jahre bis zur nächsten Pandemie dauert, ist nicht ausgemacht. Vielleicht werden wir schneller wieder auf dieses Buch zurückkommen als erwartet.

Angaben zum Buch Paolo Giordano: In Zeiten der Ansteckung
Wie die Corona-Pandemie unser Leben verändert
Rowohlt, 80 Seiten
Übersetzt von Barbara Kleiner
ISBN: 978-3-499-00564-0
Preis 8,00 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. April 2020 | 16:46 Uhr

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