"Permanent Record" Snowden-Biografie: "Ein Aufklärer im besten Sinne"

Dass plötzlich nicht mehr Terroristen, sondern die Bürger des eigenen Landes zum Ziel einer ungekannten Überwachung durch den US-Militärgeheimdienst NSA wurden, das machte der Whistleblower Edward Snowdon 2013 publik. Jetzt erzählt er, warum er sich damit von seinem ganzen bisherigen Leben verabschiedet hat – und wie dieses Leben im Moskauer Exil heute aussieht. Journalist Stefan Koldehoff hat "Permanent Record" gelesen und Snowden im Videochat befragen können.

MDR KULTUR: Was für ein Buch hat Edward Snowden da genau geschrieben: Ist es ein Thriller, Pamphlet, Manifest oder eine Biografie?

Stefan Koldehoff: Im Grunde ist es von allem ein bisschen, manchmal ist es sehr amüsant, dann wieder läuft es einem kalt den Rücken herunter, wenn man liest, was an Überwachung inzwischen ganz selbstverständlich ist und wie die Regeln, die es eigentlich gibt, umgangen werden.

Als Snowdon 2013 an die Öffentlichkeit ging, verweigerte er ja erst mal Interviews mit dem legendären Satz: "I'm not the story – Ich bin nicht die Geschichte."

Inzwischen hat er seine Meinung geändert. Tatsächlich lässt sich über seine Person, die in den letzten sechs Jahren einiges bewirkt hat, auch viel bewusst machen.

Durch eine Lupe ist das Logo des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA) auf einem Monitor zu sehen.
Nicht nur das Wirken der NSA legte Snowden offen. Bildrechte: dpa

Vor sechs Jahren hätte es der NSA und der US-Administration in die Hände gespielt, wenn man die Geschichte hinter seiner Person hätte verschwinden lassen, meinte er im Interview. Damals war er knapp über 30 und man hätte sagen können: Was weiß dieser junge Hüpfer, wozu hatte der denn schon Zugang? Wenn man jetzt detailliert nachliest, dass er fast alle Sicherheitsfreigaben hatte, dass er ganz maßgeblich am Aufbau dieses Überwachungssystems teilgenommen hat, ganz entscheidende Komponenten selbst programmierte – bis er irgendwann merkte, hier geht es gar nicht mehr darum, einen Staat zu schützen, sondern darum Bürger zu überwachen und zu kontrollieren – dann bekommt der Satz schon einen anderen Zungenschlag und man versteht, warum er als Person hinter der Geschichte verschwinden wollte, um nämlich die Struktur (des Überwachungssystems) zu beleuchten.

Im Vorwort heißt es, Staatsgeheimnisse zu enthüllen sei hart, sich selbst zu veröffentlichen sei aber nochmal viel härter. Wieviel zeigt Edward Snowden denn von sich in dem Buch?

Schon eine ganze Menge und man hat den Eindruck, dass er sich mit dem Buch auch bei seiner damaligen Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau Frau Lindsey entschuldigen will. Die fand damals, als sie aus einem Kurzurlaub wiederkam, ja nur einen Zettel, auf dem geschrieben stand: Ich musste mal weg, beruflich. Das nächste Mal hörte sie von ihm aus Hongkong.

Er berichtet, wie er heute in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Moskau wohnt, dass er vorsichtig ist, wenn er auf die Straße geht, um nicht erkannt zu werden, dass er Schal oder Mütze trägt und nach unten schaut, weil die Autos dort meist mit diesen kleinen Dashcams ausgestattet sind. Dann erzählt er die rührende Geschichte, wie ihn ein kleines deutsches Mädchen in einem Museum anspricht und fragt, ob er Edward Snowden sei. Er zögert und sagt dann: Ja, der bin ich. Dann möchte sie ein Selfie mit ihm. Er geht darauf ein und erzählt, wie begeistert er ist, dass dieses Selfie bis heute nirgendwo in den sozialen Netzwerken aufgetaucht ist.

So nett die Geschichte ist, zeigte sie ihm auch, dass alle Sicherheitsvorkehrungen, die er traf, nicht wirklich viel bringen: Wenn ihn morgen jemand von der Straße oder aus der Wohnung abfischen möchte, sei es nun der amerikanische oder der russische Geheimdienst, dann passiert das einfach, sagt er. Deswegen lebe er nur im Heute, er wisse nicht, was morgen sein wird.

Was hat er in dem Buch politisch zu sagen; über die Staaten, die in einer Demokratie von den Volksvertretern kontrolliert werden sollten, die aber seit Jahren – das ist ja seine These – auf die Kontrolle des Volkes umgestellt haben. Hat sich da sein Denken weiter bewegt?

Er denkt jedenfalls weiter in dieselbe Richtung. Er kann es – auch als Sohn von zwei Militärangehörigen übrigens – nicht fassen, was sich da verändert hat: Dass es nicht mehr darum geht, den Staat und die Verfassung zu schützen, sondern zu kontrollieren. Er scheint nach wie vor sehr gute Kontakte zu haben. Er weiß beispielsweise, dass durch seine Enthüllungen viele, viele Menschen inzwischen verschlüsselte Kommunikation betreiben. Er sagt, die Gemeindienste hätten sich umorientiert, sie seien gar nicht mehr interessiert irgendwas abzuhören oder aufzunehmen, vielmehr versuchten sie gleich, auf die Geräte zu kommen. Da gebe es jetzt verstärkt merkwürdige E-Mails, merkwürdige SMS-Nachrichten, in der Hoffnung, ein iPhone, einen Computer, ein Tablet infizieren und von Anfang an mitlesen zu können.

Was ist mit den großen Konzernen, deren Geschäft ja Big Data ist. Das Sammeln riesiger Datenmengen ist wiederum die Basis für Überwachung ...

Demonstrant mit einem Auge-Kamera-Kostüm
Snowdon fordert, Widerstand gegen das Ausspionieren zu leisten. Bildrechte: IMAGO

Das ist sein nächstes Thema, weil er auch nicht verstehen kann, dass Daten inzwischen sehr freiwillig an diese Konzerne gegeben werden. Er schreibt über Amazon, einen Konzern, von dem hier kaum jemand weiß, dass er die Clouds, die großen virtuellen Speichermedien für den US-Geheimdienst zur Verfügung stellt. Er schreibt darüber, dass Google und angeschlossene E-Mail-Anbieter wie Gmail alle Daten völlig freiwillig herausgeben, auch wenn sie anderes behaupten.

Seine Forderung ist es eigentlich, dass wir als bürgerliche Gesellschaft dem widersetzen müssen. Wir müssen Transparenz fordern und dass das Ausspionieren ein Ende hat.

Er prangert die Entwicklung im Westen an, er erwähnt auch China. Wie ist es eigentlich mit Russland, muss Snowden auf seine Gastgeber Rücksicht nehmen? Die Troll-Fabriken, die geleakten E-Mails im US-Wahlkampf, die Versuche, das Netz staatlich zu zensieren – da gäbe es ja viel Stoff?

Er macht relativ deutlich, dass er sich in Russland nicht wohlfühlt. Er findet es absurd, dass ihm vorgeworfen wird, dass er dort sei, dass er ein russischer Spion sei. Er erinnert daran, wie er auf seiner Flucht aus Hongkong auf dem Moskauer Flughafen strandete. Eigentlich wollte er von Moskau aus weiter nach Ecuador fliegen, doch inzwischen war sein Pass für ungültig erklärt worden. Wenn man sich seine Äußerungen der letzten Jahre durchliest – ich hab's getan – dann ist immer wieder auch Kritik an den Menschenrechtsverletzungen (in Russland) dabei. Man kann nicht behaupten, dass er sich einschmeicheln würde. Ansonsten würde er wohl auch nicht sagen, es könne jeden Tag an seiner Tür klopfen und dann werde er ausgeliefert.

Welche Perspektive sieht er für sich? Er hat ja mehrfach gesagt, dass er gern in Deutschland Asyl bekäme. Die offizielle Linie lautet aber, die USA seien ein demokratisches Land und ein Strafverfahren sei keine politische Verfolgung.

Wir haben ihn gefragt, unter welchen Bedingungen er in die USA gehen und sich einem politischen Verfahren stellen würde. Er meinte, so lange ich da nach einem Antispionage-Gesetz von 1918 angeklagt werde - was bedeutet: kein öffentliches Verfahren, keine Presse, keine Jury, sondern nur ein Gericht – käme das nicht in Frage. Das Einzige, was man ihm zubillige, sei, dass er nicht gefoltert werde. Das genüge ihm nicht.

Denn dieses Gesetz bedeute außerdem, dass er nichts sagen dürfe, über das, was er gemacht habe. Weder über das, was er herausgefunden noch über die moralischen Gründe für das, was er getan habe. Denn damit würde er sich schon der Offenlegung von Staatsgeheimnissen schuldig machen. Somit gibt es aus seiner Perspektive überhaupt keine Chance auf eine Verteidigung.

Er sucht nach Asyl in einem europäischen Land, in Deutschland oder Frankreich. Seine Aufenthaltsgenehmigung für Russland läuft im Frühjahr 2020 aus. Er geht wohl davon aus, dass sie verlängert wird und dass er bis auf Weiteres in Russland festsitzt.

Wie sehr hat er Sie beeindruckt?

Man muss schon aufpassen, dass man kein Fan-Boy wird, sondern journalistischen Abstand hält! Aber ich finde ihn schon sehr glaubwürdig. Ich sehe auch keine großen Veränderungen in seiner Argumentation. Er ist, so pathetisch das klingen mag, ein Aufklärer im besten Sinne. Dafür ist er bereit, die eigene Existenz und die seiner Frau komplett aufs Spiel zu setzen.

Das Gespräch führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Angaben zum Buch Edward Snowden
Permanent Record
S. Fischer
432 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-10-397482-9
22,00 Euro

Über Snowden und die NSA-Affäre Snowden, 1983 in Elizabeth City, North Carolina, geboren, wuchs als Sohn zweier Militärangehöriger quasi im Schatten des NSA-Hauptquartiers in Fort Meade, Maryland, auf.

Als ausgebildeter Systemingenieur arbeitete er für CIA und NSA.

Im Sommer 2013 machte er deren Spähprogramme, etwa Prism, publik. Snowden zufolge verschaffte sich die NSA uneingeschränkten Zugriff auf die Daten der großen Internetfirmen.

Für seinen Dienst an der Öffentlichkeit erhielt er mehrere Preise, darunter den Alternativen Nobelpreis und die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte.

In den USA wird Snowden per Haftbefehl gesucht.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. September 2019 | 07:10 Uhr

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