"Der Zorn des Meeres" Vergessenes Werk von Dracula-Autor Bram Stoker erstmals auf Deutsch

Die meisten Leser kennen Bram Stoker wegen seines Schauerromans "Dracula". Doch der Ire hat mehr als die bekannteste Vampirgeschichte geschrieben und ist dabei dem Thema See immer treu geblieben. Seine Erzählung "Der Zorn des Meeres" ist nun zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Stoker beschreibt darin meisterhaft die schottische Küste und fängt die Stimmung des Ozeans ein, sodass die Abenteuer- und Liebesgeschichte fast in den Hintergrund rückt.

Am Anfang von Bram Stokers Geschichte zieht ein Sturm auf: Der Wind an der Küste wird rauer und das Meer beginnt wütend zu schäumen. Bram Stoker, der die Spannungsliteratur wie kaum ein anderer geprägt hat, schafft gleich auf den ersten Seiten eine bedrückende Stimmung. Dafür kommt er ganz ohne Berglandschaften oder bedrohlich anmutende Burgen aus.

Beeindruckende Beschreibungen

Stoker zeigt schlicht das Meer als alles beherrschende Naturgewalt: "Von der Meereswüste hörte man ein beständiges und gedämpftes Brüllen, das scheinbar am lautesten war und besonders vor dem Kommenden warnte, wenn es durch die geheimnisvollen wandernden Nebelschwaden drang. Wann immer die Nebelgürtel sich hoben oder zerstreuten oder getrieben von den Windstößen landeinwärts verschwanden, sah das Meer aus, als hätte wachsender Zorn es aufgewühlt."

Bram Stokers Geschichte erschien erstmals 1895, ins Deutsche übersetzt wurde "Der Zorn des Meeres" bisher nicht. Sie gehört zu den zahlreichen Liebes- und Abenteuergeschichten, die im Gegensatz zu seinem bekanntesten Werk "Dracula" in Vergessenheit geraten sind. Zu Unrecht, wie die Neuausgabe im mare-Verlag zeigt.

Stoker beschreibt die raue Küstenlandschaft Schottlands so eindrucksvoll und lebendig, dass die eigentliche Geschichte um Schmuggellieferungen in den Hintergrund gerät.

Tino Dallmann, Literaturkritiker

"Rund vierzig Meilen weiter südlich ist die Küste für diesen Schwarzhandel wie geschaffen. Die Felsen aus Gneis und Granit, aufgebrochen durch alle möglichen Erschütterungen der Natur und vom Zahn der Zeit zu jeder denkbaren Form steiniger Schönheit geschliffen, bieten eine unendliche Vielzahl schmaler Buchten und Baien, wo die Draufgänger, die Felsen und Strömungen und Gezeiten kennen, mit ihren Booten heimlich und schnell ein- und auslaufen können."

Tragische Figuren

Stoker erzählt auch eine Liebesgeschichte: Der aufrechte William Barrow, bei allen als Sailor Willy bekannt, soll für die Küstenwache nach Schmugglern Ausschau halten. Dann erfährt er, dass ausgerechnet seine künftige Verlobte in den Schwarzhandel verwickelt ist – und muss sich zwischen seiner Liebe und der Pflicht entscheiden: "Sogar in dem Augenblick, da die Tragödie seines Lebens sich zu vollenden schien, als die Frau, die er liebte und ehrte, ihn anscheinend drängte, seine Pflicht zu vernachlässigen, konnte Willy Barrow nicht umhin, sich für ihr Tun verantwortlich zu fühlen. In dem ersten leidenschaftlichen Kuss, der vielleicht sogar die Tür zu ihrer Seele geöffnet hatte, wurzelte ein geheimnisvoller Bund oder Wert wie jener, der dem Ehering innewohnt."

Cover zu Bram Stokers "Der Zorn des Meeres"
Im Orginal heißt die Erzählung "The Watter's Mou'" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stokers Helden sind besonders tragische Figuren: Sie sind voller Tatkraft und Charakterstärke, müssen sich aber mit Kräften messen, die größer sind als sie selbst. Barrow und seine Verlobte behaupten sich unter widrigsten Umständen und drohen dennoch zu scheitern.

Die Stille, die mitten im Tosen der Elemente herrschte, brach ihren eigenen Bann. Willy wurde wieder bewusst, wer und wo er war: Die Wellen peitschten unter seinen Füßen, und der Nachtwind, mit Nebelschwaden beladen, die sich in der Dunkelheit um ihn wanden, pfiff zwischen den Felsen und heulte kummervoll durch die Seile und Stütztaue des Flaggenmasts auf der Klippe.

aus: "Der Zorn des Meeres" von Bram Stoker

Eine Entdeckung

Zweifelsohne ist die deutsche Erstausgabe von "Der Zorn des Meeres" eine Entdeckung. Das schmale und schön gestaltete Büchlein verortet Bram Stoker als Schriftsteller neu. Es stellt ihn auch in eine Reihe mit jenen Schriftstellern, deren Geschichten ebenfalls von der See und Seeleuten geprägt worden. Unweigerlich muss man beim Lesen an die Bücher von Hermann Melville oder Joseph Conrad denken. Denn auch "Der Zorn des Meeres" ist ein Buch, das auf jeder Seite Seeluft verströmt.

Infos zum Buch Bram Stoker: "Der Zorn des Meeres"
Herausgegeben und ins Deutsche übertragen von Alexander Pechmann
mare-Verlag, Hamburg 2020
128 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-86648-613-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Mai 2020 | 07:15 Uhr