Streaming-Marathon 24-stündiger Konzertstream als Ersatz für Dresdner Musikfestspiele

24 Stunden Konzert am Stück - diesen Marathon gibt es am 16. Mai als Ersatz für die Dresdner Musikfestspiele, die wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr abgesagt wurden. Statt der zahlreichen Veranstaltungen in der Elbestadt geben Künstler Konzerte im Internet als eine Art Online-Festival. Für den Cellisten und Intendanten Jan Vogler kommt die klassische Musik damit im 21. Jahrhundert an. Das könnte auch die kommenden Jahre prägen, erklärt er im Interview.

Blick über die Altstadt von Dresden.
Trotz der Verlagerung ins Internet wird die Stadt Dresden weiterhin präsent im Festival sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Viele Musiker haben ja in den vergangenen Wochen so einiges ins Netz gebracht. Jetzt kommt ein 24-Stunden-Projekt der Dresdner Musikfestspiele mit rund 50 hochkarätigen Künstlern und Dirigenten. Verstehen Sie dieses Streaming-Festival als Ersatz oder als Trostpflaster für die abgesagten Musikfestspiele? Oder ist es etwas anderes, etwas drittes?

Jan Vogler: Eher etwas Drittes. Es ist der Versuch, diese Zeit nutzen und mit der klassischen Musik im einundzwanzigsten Jahrhundert anzukommen. Wir wurden alle gezwungen, auf schnelle und harte Art uns umzustellen. Wir können nicht proben, keine Konzerte spielen. Aber: Wir werden plötzlich wachsam und aufmerksam für das, was möglich ist mit der modernen Technik. Ich habe so viel gelernt über Internet und Übertragungsmöglichkeiten. Tatsächlich kommen dort auch Emotionen auf. Ich glaube, dass unser 24-Stunden Online-Festival tatsächlich für die Musikfestspiele auch sehr wichtig sein kann.

Ich bin bei fast allen Musikern auf Enthusiasmus gestoßen. Beim Publikum ist es ähnlich: Wenn wir gerade Momente haben, in denen wir uns wünschen, Menschen zu sehen, Freude zu sehen, zusammen am Küchentisch oder im Garten zu sitzen, dann geht es dem Publikum ähnlich. Also diese Verbindung wird stärker. Das ist auch unsere Hoffnung für einen Live-Stream, dass wir für die Zukunft das Publikum und die Künstler noch näher zusammenbringen – gerade in der Krisenzeit.

Wie wichtig ist denn so ein Projekt für das Publikum der Dresdner Festspiele, das Land Sachsen und die Stadt Dresden? Muss man als Kulturinstitution solche Signale senden, auch um zu zeigen, dass Sie sich nicht unterkriegen lassen?

Dieses Muss würde ich sogar verwandeln in ein Dürfen und Können. Wir machen das mit sehr viel Freude gerade. Die Augen der Mitarbeiter in Dresden glänzen. Wir haben Meetings über Konferenzschaltung und ich sehe dann, dass alle in Festivalstimmung kommen. Es ist auch für unser Team wichtig, dass ein Festival stattfindet. Wir haben in diesem Jahr mit unserer Routine gebrochen: Wir wussten sehr genau, wie man ein Festival zusammensetzt. Aber jetzt haben wir auch gelernt, wie man ein Online-Festival zusammensetzt. Das könnte für die Zukunft sehr wertvoll sein. Ich glaube, dass wir alle – auch die Mitarbeiter und ich –aus dieser Notsituation ein Plus gemacht haben für die Zukunft und dass wir vielleicht auch über diesen Stream Publikum erreichen, dass wir bisher noch gar nicht erreicht haben.

Wie müssen wir uns den Ablauf vorstellen? Was sollte man wissen?

Am Anfang gibt es eine kleine Begrüßung, das werde ich übernehmen. Dann gibt es einen Imagefilm über das Festival, wo man die Spielstätten sehen kann. Da bekommt man ein Gefühl dafür, was für eine Festivalstadt Dresden ist. Es gibt einige Grußworte des Oberbürgermeisters und dann geht es gleich los mit der Musik, eine sehr bunte Gala-artige Abfolge. Ich habe mich bemüht, dass wir nicht in einem Genre bleiben, sondern wenn ein Instrumentalist gespielt hat, wir dann zu einem Chor gehen, in den Jazz oder in die Cross-Over.

Wir haben ein paar Dokumente aus anderen Jahren im Stream, die bisher noch nicht gezeigt wurden. Denn es wäre traurig, wenn das Publikum gar kein Orchester sehen könnte. Wir werden zum Beispiel unser Festspielorchester mit einer bisher unveröffentlichten Aufnahmen der Dritten Sinfonie von Schumann hören, das Marinsky Orchester unter Valery Gergiev und, worauf ich mich besonders freue, drei bisher völlig unveröffentlichte Lieder mit Eric Clapton und mir am Cello, die wir im letzten Jahr aufgenommen haben. Im Programm kann jeder schauen, wann kommt sein Lieblingskünstler und kann sich dann dazuschalten. Das ist diese Präzision, mit der man über das Internet die Fans der einzelnen Künstler sehr gut erreichen kann.

Dresdner Festspielorchester, auf einer Wiese posierend
Trotz Corona wird das Festspielorchester einen Auftritt haben. Bildrechte: Dresdner Musikfestspiele/Sonja Werner

Man muss also nicht die ganze Zeit zuschauen. Aber werden Sie die ganzen 24-Stunden dabei sein?

Auf jeden Fall. Wenn ich mir vorstelle, wie das bei Reisen normalerweise ist: Konzert, Abendessen, dann ist es 2 Uhr nachts. Manchmal kommt um 5 Uhr schon ein Taxi, um einen zum Flughafen zu bringen. Normalerweise gibt es beim Touren viele kurze Nächte. Im Moment haben wir alle, wenn wir zu Hause sind, regelmäßigere Tagesabläufe. Da ist es schon okay, 24 Stunden wach zu bleiben.

Infos zum Konzert-Stream Das Onlinefestival der Dresdner Musikfestspiele wird von Samstag, dem 16. Mai, ab 18 Uhr zum Folgetag 18 Uhr übertragen. Der Stream und das Programm stehen auf der Website des Festivals.

Das Interview führte Moderatorin Anett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Mai 2020 | 17:10 Uhr