Hochaktuelle Parabel "Die Parade": Dave Eggers über die Verantwortung des Einzelnen

Dave Eggers gehört zu den bekanntesten Autoren in den USA und zu den politisch engagiertesten. Immer wieder nimmt er sich in seinen Büchern drängende gesellschaftliche Themen vor. Bekannt geworden ist er vor allem durch seinen Bestseller "The Circle", der von der Überwachung durch große Internetkonzerne erzählt. In seinem neuen Roman "Die Parade" geht es um zwei Entwicklungshelfer und um die Frage, ob das, was gut gemeint ist, immer auch etwas Gutes bewirkt. So ganz überzeugt ist unser Kritiker nicht.

Dave Eggers
Der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers Bildrechte: dpa

Eigentlich klingt alles ganz einfach: Zwei Straßenbauer sollen eine lange Asphaltstraße durch ein Land ziehen, das gerade einen blutigen Bürgerkrieg erlebt hat. Die Straße soll dem Entwicklungsland Fortschritt bringen und den Norden mit dem provinziellen Süden verbinden:

Zitat aus "Die Parade": "Nach dem Willen des Präsidenten, der für große politische Inszenierungen bekannt war, sollte die Parade unmittelbar nach Fertigstellung der Straße beginnen. Der Festzug würde sich aus der Hauptstadt Richtung Süden bewegen und das Ende des jahrzehntelangen Krieges ebenso symbolisieren wie den Beginn von Frieden und Wohlstand, der durch die Straße ermöglicht wurde."

Zwei Straßenbauer mit unterschiedlichen Prioritäten

Der Leser erfährt nicht, um welches Land es sich genau handelt. Und auch die Namen der Straßenbauer werden nicht genannt. Um das Risiko einer Entführung zu minimieren, reden sich die beiden nur mit Ziffern an: Vier und Neun. Während Vier den Spitznamen "die Uhr" bekommt, weil er seine Arbeit zuverlässig wie ein Uhrwerk erledigt, ist Neun der Abenteurer der beiden. Der Auftrag ist für ihn nur eine Nebensache. Er will Land und Leute kennen lernen.

Zitat aus "Die Parade": "Neun stellte seinen Teller ab und ließ seine Haare von der Stirn herabhängen wie eine Weide ihre Zweige. Er verzichtete auf das Blechbesteck und hob die angegammelten Knochen mit den Fingern an den Mund, um das Fleisch abzunagen, das er mit sonnenfarbenem Saft runterspülte. Die Firma hatte davon abgeraten, einheimisches Obst ganz oder in flüssiger Form zu nehmen, und dringend davor gewarnt, dass Eier oder Fleisch Kolibakterien, Salmonellen oder Spülwürmer enthalten könnten. Doch Neun verschlang alles völlig unbekümmert, während seine fettigen Haare fast im Essen hingen. Vier war schleierhaft, was die Firma in diesem Mann sah. Er war ein Risiko."

Eine Parabel über richtiges und falsches Verhalten

Buchcover - Dave Eggers: "Die Parade"
Buchcover - Dave Eggers: "Die Parade" Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Eggers neuer Roman ist unschwer als Parabel zu erkennen. Sie wirft die Frage auf, ob das, was wir gut meinen, auch wirklich etwas Gutes bewirkt. Dabei fragt sie auch nach der Verantwortung jedes Einzelnen. Neun bietet sich durch seine Abenteuerlust und Neugierde zumindest die Chance, den eigenen Auftrag zu hinterfragen. Viers Blick ist dagegen stets auf die schmale Asphaltstraße gerichtet, die er Kilometer um Kilometer durch das Land zieht. Selbst als seinen Arbeitskollegen eine Tropenkrankheit niederstreckt, denkt er an sich und die Arbeit:

Zitat aus "Die Parade": "Die Firma würde von Vier allerdings auch wissen wollen, wie es dazu kommen konnte, dass Neun vom Protokoll abgewichen war. Wo war Vier die ganze Zeit gewesen?, würden sie fragen. Und wieso hatte Vier, als Neuns Vorgesetzter, diese ganze Disziplinlosigkeit erlaubt? Vier würde protestieren, würde erklären, dass Neun trotz seiner Ermahnungen weggefahren war, dass er den Mann nicht kontrollieren konnte. Aber das würde nicht genügen. Viers guter Ruf würde leiden. Vier war für Arbeit ohne Komplikationen bekannt. Ein guter Mitarbeiter meldet keine Probleme; er löst Probleme."

Bei den Büchern von Dave Eggers fragt man sich oft, was im Vordergrund steht: die Geschichte oder die Botschaft, die sie vermitteln soll. Das galt schon für seinen Weltbestseller "Der Circle". Und das gilt noch mehr für diesen Roman. Auch hier bleiben die Figuren blass wie Abziehbilder und dienen vor allem dazu, die Handlung auf gemächliche Weise voranzutreiben. Nun muss nicht jede erzählerische Parabel durch feine psychologische Porträts bestechen oder durch ein rasantes Tempo. Aber die erzählerische Brechstange muss man auch nicht gleich ansetzen, so wie es Eggers beim abrupten Ende seines Romans tut, das hier nicht verraten werden soll. Nur so viel: Die Frage, ob alles, was gut gemeint ist, auch gut gemacht ist, stellt sich auch bei diesem Roman.

Informationen zum Buch: Dave Eggers: "Die Parade"
Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
192 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-462-05357-9

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. April 2020 | 12:40 Uhr