MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt Sind Theater systemrelevant?

Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke geht nicht davon aus, dass Theater demnächst wieder arbeiten können wie bisher. Sie sollten mit der Krise und ihren gesellschaftlichen Folgen kreativ umgehen. Auch der Vorsitzende des Sächsischen Bühnenvereins und Theaterintendant, Lutz Hilmann, forderte in der ersten Ausgabe der MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt, man müsse etwas Produktives aus der Krise machen. Janek Liebetruth, Vorsitzender des Landeszentrums für Spiel & Theater Sachsen-Anhalt und Leiter des Theaternatur-Festivals, und Walter Bart vom Theaterhaus Jena komplettierten die Runde.

Skadi Jennicke in einem Büro
Skadi Jennicke in der MDR KULTUR Zukunftswerkstatt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke geht nicht davon aus, dass Theater demnächst wieder arbeiten können wie bisher. Bei der MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt forderte sie von Theaterleuten, mit der Krise und ihren gesellschaftlichen Folgen kreativ umzugehen: "Im Sinne von pionierartig voranzugehen und den Schalter umzulegen und nicht mehr diesen Habitus zu haben: Wir fühlen uns beschränkt und machen was geht und überlegen, wie wir trotzdem Theater machen. Sondern eine positive Energie bekommen und sagen: Wir machen Theater gerade jetzt", sagte Jennicke. "Ich wünsche mir, dass wir alle zusammen aus diesen defizitären Verlustmomenten ein bisschen herauskommen." Sie glaube, dass das auch die Chance eröffnen würde, dass Theater für die Menschen plötzlich wieder, gerade in dieser Zeit, so eine Bedeutung und Wichtigkeit und Relevanz habe.

"Die nächsten Jahre werden kein Zuckerschlecken"

Zudem prognostizierte Jennicke, dass die Vielfalt der Kultur nicht erhalten bleiben werde, wenn die Krise zu lange dauere. Sie erwarte einen kommunalen Rettungsschirm, der dann auch Geld für die Kultur bringen soll. "Aber auch mit einem kommunalen Rettungsschirm werden die nächsten Jahre kein Zuckerschlecken werden. Ich glaube, dass wir das Augenmerk auf Strukturerhalt, auf Erhalt der Vielfalt legen sollten", sagte sie. "Aber dass wir in der Breite und in dem Umfang die Dinge erhalten können, wenn die Situation über einen längeren Zeitraum – ich sag mal bis Jahresende oder gar noch darüber hinaus – so eingeschränkt ist, wie sie jetzt ist, wäre das gelogen zum jetzigen Zeitpunkt."

Die Zukunftswerkstatt in voller Länge

Fünf Personen sind auf einem Splitscreen zu sehen. 70 min
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Debatte

Theatermacher und Kulturschaffende müssen die Corona-Krise nutzen, um aus ihr zu lernen und die Freie Szene besser aufzustellen. Darum ging es in der ersten Zukunftswerkstatt, die den Bereich Theater im Fokus hatte.

Di 19.05.2020 10:31Uhr 69:58 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-sonstige/corona-zukunftswerkstatt-theater100.html

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Video

"Theater müssen mitspielen"

Lutz Hillmann
Lutz Hillmann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Vorsitzende des Sächsischen Bühnenvereins und Theaterintendant Lutz Hillmann plädierte dafür, nicht zu hadern und sich über Hygiene- oder Abstandsregeln zu beschweren, sondern die Krise als Chance für neue kreative Ideen begreifen. "Es gibt ja einige Theaterleute, die gesagt haben: So können wir gar nicht Theater machen – was gebt ihr uns hier für Regeln? Wir warten bis wieder alles normal ist", erklärte Hillmann. Er finde, das sei keine Haltung gegenüber dem Publikum. "Das Publikum atmet jetzt regelrecht auf, gerade wenn es diese Lockerungen gibt. Und wir müssen da mitspielen. Wir sind ja faktisch Ideenfabriken in unseren Häusern und wir müssen was Produktives daraus machen." Er würde die Vorstellung von sich weisen, dass das für immer oder für eine längere Zeit so sein werde. "Ich lebe immer noch mit der Hoffnung, dass das vielleicht eine Übergangsphase ist, die wir aushalten müssen."

"Sind wir wirklich systemrelevant?"

Hillmann bezeichnete die derzeitige Corona-Krise als "unheimliche Zäsur" für die gesamte Gesellschaft, aber speziell auch für Theatermacher. Er selbst habe in den vergangenen Wochen die Bedeutung des eigenen Schaffens oft hinterfragt. "Es hat mir richtig wehgetan, dass so lange überhaupt nicht über Theater oder überhaupt Kultur gesprochen wurde, auch in der öffentlichen Debatte nicht." Da käme er schon ins Grübeln und überlege: "Welche Rolle spielen wir denn eigentlich? Sind wir wirklich systemrelevant? Das müssen die Leute ja entscheiden." Wenn er mit Leuten telefoniere oder auf der Straße rede, sagten sie, sobald das Theater wieder was mache, kämen sie. "Aber in der öffentlichen Wahrnehmung oder auch in den Medien sind wir doch wochen-, monatelang überhaupt nicht vorgekommen", betont er. "Das stimmt dann schon etwas nachdenklich."

"Wir dürfen uns nicht mehr selbst ausbeuten!"

Der Vorsitzende des Landeszentrums für Spiel & Theater Sachsen-Anhalt, Janek Liebetruth, forderte, dass die Freie Theater-Szene die Krise nutzen muss, um einen generellen Strukturwandel herbeizuführen. Die Freien Künstler seien durch die Krise in einer Notsituation, die sich schon seit Jahren aufgebaut habe. "Sie sind jetzt nur in der Lage, weil sie die ganzen Jahre in prekären Situationen agiert haben, sich selbst ausgebeutet haben", sagte Liebetruth. "Da wünsche ich mir von der Politik, das wahrzunehmen und zu sagen: Auch die Freie Szene muss vernünftig in die Lage versetzt werden, z. B. auch Rücklagen zu bilden. Wir haben keine Rücklagen, wir leben von dem was wir gerade machen“, betonte er.

Gegen die Unsicherheit im Kultur- und Veranstaltungsbereich könnten nur finanzielle Hilfen von außen helfen. "Man sollte sich da auch selbst schützen. Es bringt auch nichts, auf der Bühne zu stehen und dann insolvent zu sein. Ich denke, die Lösung kann nur über Hilfen und den politischen Raum kommen." Dafür müsse man auch innerhalb der Szene ein Bewusstsein schaffen. "Wir dürfen uns nicht mehr selbst ausbeuten!" Das sei jetzt die Chance, einen Strukturwandel hervorzurufen, um nicht mehr in diese Situation zu  kommen. "Das wäre mein Aufruf und mein Appell für die Zukunft, was mir aus dieser Krise lernen sollten und müssen."

Videos zur Zukunftswerkstatt

Lutz Hillmann 2 min
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Skadi Jennicke in einem Büro 2 min
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Mehr zur Zukunftswerkstatt

Reinhard Bärenz 7 min
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Mehr zu Hilfen in der Corona-Krise

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Zukunftswerkstatt | 18. Mai 2020 | 16:00 Uhr