Museumschefin im Gespräch Museen brauchen zwei Wochen Vorlauf bis zu möglicher Neuöffnung

Die Museen sind aufgrund der Corona-Beschränkungen derzeit geschlossen. Wie könnte man sie wieder öffnen und welche Probleme täten sich dabei auf? Wieviel Vorlauf benötigt man, um so einen großen Dampfer wie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) wieder in Fahrt zu bekommen? Wie würde sich die geänderte Besucherstruktur durch den mittelfristigen Wegfall ausländischer Museumsbesucher auswirken? Und welche langfristigen Auswirkungen wird die Corona-Pandemie haben? Antworten hat Marion Ackermann, SKD-Generaldirektorin.

Das Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD).
Das Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Es ging zuletzt die falsche Meldung über die Nachrichten, dass die Museen machen aufmachen würden. Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Marion Ackermann: Na ja, ich war in einem kurzen Osterurlaub und hab sofort abgebrochen, weil ich mich einerseits auch gefreut habe über die Möglichkeit, aber andererseits ein bisschen Panik bekam, wie wir das in zwei Tagen hätten bewerkstelligen können, die ganzen Systeme wieder hochzufahren.

Marion Ackermann 8 min
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Die Museen sind aufgrund der Corona-Beschränkungen derzeit geschlossen. Wie könnte man sie wieder öffnen? Antworten hat Marion Ackermann Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 17.04.2020 16:10Uhr 07:47 min

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Was braucht es denn, um so ein System wie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wieder hochzufahren?

Also erstmal ganz, ganz wichtig ist natürlich auch unsere Bewachung, unsere Sicherheit. Unser Bewachungspersonal ist zum Glück jetzt in anderen Kontexten tätig. Denn wir können sie ja im Moment nicht weiter beschäftigen. Die können wir ja nicht von einem Tag auf den anderen wieder zurückholen. Da braucht man ein bisschen Zeit natürlich. Und da haben wir einen Dienstleister, der das auch organisieren muss. Das ist erstmal ein ganz wichtiger Punkt.

Besucher betrachten in Dresden in der Gemäldegalerie Alte Meister die Bilder.
Es wird eine Weile dauern, bis wieder so ein Gedränge in der Gemäldegalerie Alte Meister ist. Bildrechte: dpa

Und dann mussten wir durch den Stillstand viele Aufbauarbeiten auch abbrechen. Wir haben ja fast alle Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt, aus Sicherheitsgründen. Wir haben Leihgaben, die nicht gekommen sind. Oder eigene Werke, die an den Grenzen hängengeblieben sind. Wir müssen ein bisschen auch das nachholen, was wir abrupt hatten abbrechen müssen.

Aber im Prinzip, wenn wir ein gutes Hygienekonzept haben und eine gute Form, wie wir die Besucher geschützt durch unsere Häuser leiten können, sind wir in zwei Wochen ohne Probleme bereit, wieder zu eröffnen.

Vielleicht auch mit Anmeldungen per Internet, wenn nur bestimmte Besucherzahlen vorgegeben sind? Denken Sie über sowas nach?

Wir haben ja in unseren Sammlungen eigentlich alles. Wir haben die extreme Zugangsbeschränkung schon immer im Historischen Grünen Gewölbe gehabt, da wo ja ein Schleusensystem besteht. Wo man einzelnen – aus Sicherheitsgründen – durchgeht. Da gibt es diese Erfahrung mit Zugangsbeschränkungen und Vorab-Internetkauf von Tickets.

Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Bildrechte: imago/epd

Und auf der anderen Seite dauert es extrem. So beim Gegenbeispiel Kinderbiennale im Japanischen Palais mit über 110.000 Besuchern. Das ist eine Ausstellung, wo die Taktilität eine große Rolle spielt. Das ist die Frage, wie man zum Beispiel mit so etwas künftig überhaupt umgehen kann.

Das sind die beiden extremen Spektren und dazwischen haben wir viele Erfahrungen. Es ist aber eine ziemliche Herausforderung.

Sie mussten den laufenden Betrieb ja ziemlich abrupt abbrechen. Müssen Sie jetzt eigentlich auch das Ausstellungsprogramm zusammenstreichen? Oder können Sie Dinge verschieben? Gerade war eine Ausstellung mit bedeutenden Leihgaben zu Raffaels Tapisserien geplant, das Kupferstichkabinett hat sein dreihundertjähriges Jubiläum. Was passiert jetzt mit diesen Events?

Zum Beispiel die Raffael-Ausstellung ist gehängt, aber nicht alle Leihgaben sind angekommen. Da sind amerikanische Leihgaben dabei, die werden auch wahrscheinlich nicht kommen. Die ist aber im Prinzip zu öffnen und wunderbar. Man kann sie auch so natürlich sehr genießen.

Das Kupferstichkabinett-Jubiläum werden wir auf jeden Fall feiern. Aber wir können kein großes Ereignis mit tausend Menschen draus machen, sondern müssen so entzerren, dass die Menschen einfach über einen längeren Zeitraum ins Kupferstichkabinett kommen. Das wird beides stattfinden. Das Jubiläum werden wir im Mai feiern, und Raffael werden wir im Juni eröffnen.

Denken Sie, dass die Ausstellung eventuell länger laufen sollten?

Albertinum Dresden
Albertinum Dresden Bildrechte: IMAGO

Wir haben unser gesamtes Ausstellungsprogramm natürlich angefasst und umgestellt. Alle internationalen Kooperationen sind verschoben worden – auch von unseren Partnern – auf das nächste Jahr. Was natürlich auch nicht ganz ohne ist. Nicht, dass wir nächstes Jahr kollabieren vor lauter Programm, das geht so auch nicht. Bis auf die Romantik-Ausstellung in Moskau, die wird, wenn wir Glück haben, noch vor Weihnachten zu eröffnen sein in Moskau. Aber das wird sich zeigen.

Und ansonsten versuchen wir die Ausstellungen länger laufen zu lassen, wo immer möglich. Die große Barlach-Ausstellung für das Albertinum wollen wir mehr in den Herbst hineinverlegen. Und ansonsten wissen wir, dass wir es diesen Herbst mit einem vorrangig lokalen Publikum zu tun haben und werden auch versuchen, unser Programm nochmal stärker darauf auszurichten.

Welche Auswirkungen auf die Museen hat die Corona-Pandemie langfristig, sowohl auf den Betrieb, aber auch auf das Selbstverständnis als Wissensort? Was kann das für Blüten treiben? Was kann da aber auch vielleicht verloren gehen?

Ich fange mal mit den negativen Aspekten an. Der Frage: werden wir jetzt zukünftig in unsere nationalen Grenzen eingesperrt sein oder was für eine Form von internationalem Austausch wird es geben? Das ist natürlich eine ganz wichtige. Was den Tourismus betrifft, vermute ich, dass es nächstes Jahr zaghaft wieder mit europäischem Tourismus anlaufen wird, aber international vielleicht noch länger dauert. Das ist für uns extrem wichtig. Wir haben unsere meisten Einnahmen und mehr als eine Million pro Monat durch unsere Besucher. Und da sind 32 Prozent allein aus Russland für die Alten Meister, das muss man sich mal vorstellen. Aber es geht auch um den Austausch, also um die Offenheit und die Internationalität der Institutionen.

Ein weiterer kritischer Punkt ist natürlich diese wirtschaftliche Krise. Wir werden vielleicht auch Besucher haben, die gar nicht mehr das Geld aufbringen können. Also positiv formuliert würde ich sagen, es gibt auch große Chancen. Die Krise trifft sich mit einer Sehnsucht, die wir schon lange haben: aus dem Hamsterrad ausbrechen, aus diesem permanenten Betrieb, diesen permanenten Reisen und Fernreisen. Mehr Zeit für die Konzentration haben. Andere Formen der Besprechungen. Diese digitalen Konferenzen haben dazu geführt, dass wir sehr viel produktiver, kreativer und effektiver kommunizieren. Wir haben viel mehr Flexibilität in den Formen des neuen Arbeitens durch Home Office, durch Dynamisierung der Arbeitszeiten – was lange nicht möglich war in der staatlichen Institution.

Und wir sind zutiefst verpflichtet, auch neue Narrationen zu erzeugen. Die Menschen interessieren sich im Moment für bestimmte Themen. Und das bedeutet auch, dass wir nicht einfach das Programm so weiterlaufen lassen können. Wir müssen uns tief darauf einlassen. Es hat auch den Vorteil, zum Beispiel der Ost-West-Konflikt ist im Moment gar nicht mehr so ein Thema. Es geht mehr um Fragen des Menschlichen. Und auch Raffael und Barlach, nur als Beispiele, sind ja wunderbare Antworten, die man aus der Kunst dazu finden kann.

Das Gespräch führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. April 2020 | 16:10 Uhr

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