Corona & Co. Eine kurze Geschichte der Epidemien in der Literatur

Ob Corona, Cholera oder Pest – wer, wenn nicht die Literatur ist dazu geeignet, sich mit dem Thema Epidemie auseinanderzusetzen? Sie kann andere Perspektiven einnehmen und die Leser vermeintlich ferne Ereignisse nachvollziehen lassen – zum Erkenntnisgewinn und zur Warnung. Es gibt zahlreiche Bücher, die sich vielschichtig mit Epidemien befassen. Eine Übersicht:

Pestärzte stehn um das Bett eine Erkrankten
Pestärzte in dem Film "Season of the Witch" Bildrechte: imago images/Everett Collection

"Die Pest zu London" – Daniel Defoe gibt sich als Augenzeuge aus

1665 war das Jahr, in dem Südengland und dort vor allem London von einer verheerenden Pestepidemie heimgesucht wurde, die rund 100.000 Todesopfer forderte. Und die, zumal in den Straßen der Metropole, schier unzählige "Szenen eines garstigen Schauspiels" heraufbeschwor, welches seinerseits der Schriftsteller Daniel Defoe (Schöpfer des "Robinson Crusoe") in seinem Buch "Die Pest zu London" für die Nachwelt verewigte. Als Chronik der Ereignisse, geschildert aus dem Blickwinkel eines Ich-Erzählers, eines Zeitzeugen – der Defoe allerdings selber nicht war.

Daniel Defoe
Daniel Defoe lebte von 1660 bis 1730 Bildrechte: imago/Leemage

Denn Defoe war 1665 grad mal fünf Jahre alt, während der Geschehnisse, die der Autor dann in seinem 1722 erschienen Buch anschaulich schildert. In einem Tonfall, der eine Unzahl an Beobachtungen und Schicksalen zu einem Roman verfügt, welcher sich als nüchtern registrierender Report ausgibt. Was etwas ungeheuer Modernes hat – und zugleich etwas Unheimliches mitschwingen lässt.

Nicht nur ob der Schilderungen eines mit der Krankheit einhergehenden Wahnsinns, der die Menschen, manchmal aus purer Todesangst, manchmal vor Schmerz über das rasende Dahinsterben von Familienangehörigen bis hin zu den Kindern, wie Klagegeister durch die Straßen Londons treibt. Sondern auch, weil Defoe klar sieht, wie überlebensnotwendig Vernunft und Ratio grad in solchen Zeiten sind – und wie schnell Menschen zugleich vom Irrrationalen infiziert werden können: "Je größer die Trübsal im Laufe der Schreckenszeit wurde, umso mehr nahm auch die Verstörtheit der Menschen zu."

Literatur schafft Vergleichsmöglichkeiten

Mit Blick auf Corona bezeichnete der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Interview jene Pestwellen, die zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert immer wieder in Europa wüteten, als "die letzten Vergleichsgrößen, auf die wir uns beziehen können." Freilich: "Dagegen ist das Corona-Virus harmlos", wie dann auch Sloterdijk umgehend hinzufügt.

Um das nun zu begreifen, muss man natürlich nicht erst "Die Pest in London" lesen. Und doch bleibt auch bei dieser Lektüre festzuhalten: Als "Vergleichsgröße" gibt es kaum was Besseres als gute Literatur! Allein, weil diese, was unsere Ängste, Hoffnungen, Träume und Alpträume betrifft, weniger den bloßen Vergleich, als vielmehr den Blick durchs Brennglas ermöglicht. Und den in den Zerrspiegel unserer Verhaltensweisen auch.

"Das Glück der Anderen" – Stewart O´Nan beschreibt Diphterie-Ausbruch in USA

Ein Farmer in Wisconsin (USA)
Farmleben in Wisconsin (USA) – Seuchen machen auch vor vermeintlichen Idyllen nicht Halt Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Zum Vergleich benötigt man nicht zwangsläufig Europa und die Pest. Amerika nach dem Bürgerkrieg etwa, funktioniert genauso gut: In seinem Roman "Das Glück der Anderen" erzählt Stewart O´Nan vom Untergang einer kleinen Gemeinde in Wisconsin, in der die Diphterie ausbricht.

Im Mittelpunkt steht Jacob Hansen, Sheriff, Prediger und Leichenbestatter in einer Person. Ein Familienvater, gottesgläubig, menschenfreundlich, dem Leben zugetan. Und doch bald, inmitten des großen Sterbens, umgeben von Agonie und Panik, kaum mehr als "A Prayer for the Dying" (so der weit treffendere Originaltitel). Ein Mann, machtlos im Angesicht dieser Seuche und eines Waldbrandes, der zum Finale wie das biblische Fegefeuer heraufzieht. Faszinierend düster wie ein Nick-Cave-Song.

Sophokles und Camus – die Seuche als Parabel

Albert Camus
Albert Camus Bildrechte: dpa

Fraglos bieten sich verheerende Infektionskrankheiten für allerlei Parabeln auf gesellschaftliche Missstände, menschliche Hybris und Ohnmacht an. Schon in der Antike lässt Sophokles im "König Ödipus" die Stadt Theben von der Pest heimsuchen. Ein Motiv, das Albert Camus unter dem Eindruck des von Nazi-Deutschland okkupierten Frankreichs in seinem Roman "Die Pest" zur Metapher für das Hinsterben nicht nur der Menschen, sondern auch der Menschlichkeit in diktatorischen Zeiten verdichtete.

"Die Maske des roten Todes" – Edgar Allan Poe schildert Ausweglosigkeit

Dem im Land wütenden Seuchentod wiederum entkommen zu können, glaubt in Edgar Allan Poes Erzählung "Die Maske des roten Todes" eine skrupellose Herrschaftselite, die sich in einer vermeintlich sicheren Festung verbarrikadiert. Bis inmitten eines unbekümmert rauschenden Festes dieser weltvergessenen Schickeria, die ausgesperrte Wirklichkeit erscheint: Als rotmaskierter Todesengel, dem keiner entkommt.

Ballettaufführung
"Die Maske des Roten Todes" als Ballettinszenierung am Volkstheater Rostock Bildrechte: dpa

Natürlich ist diese Geschichte eine Überhöhung, eine Zerrspiegel-Phantasie der horrorhaften Visionen. Gleichwohl sollte man sich hüten, sie als lediglich wohliges Schauerstück zu lesen. Poe schrieb seine Erzählung unter dem Eindruck der großen Cholera-Epidemie von 1831-1832.

Jean Giono – Cholera als Schmökerstoff

Die Cholera wütete auch in Südfrankreich, wo Jean Giono die Handlung seines 1951 veröffentlichten Romans "Der Husar auf dem Dach" spielen lässt. Ein Schmöker im besten Sinne, der die Abenteuer eines jungen Aristokraten schildert, den das Schicksal in die von Cholera geplagte Provence verschlägt. Inmitten traumhafter Naturschönheit platziert Giono effektvoll Tableaus des Grauens und der Gefahr. Nur nehmen die hier nie apokalyptische Dimensionen an. Und lässt Giono seinen Helden gar noch erfahren, dass die Liebe auch in den Zeiten der Cholera existiert.

Gabriel Garcia Márquez vermittelt Hoffnung und Liebe

Gabriel Garcia Marquez
Gabriel Garcia Márquez Bildrechte: imago/Leemage

Die "Liebe in den Zeiten der Cholera" ist ein Umstand, den Gabriel Garcia Márquez zum Titel seines berühmten Romans machte. Dass im spanischen Original beim Titel das Wort "Cólera" nicht nur die gefährliche Infektionskrankheit meint, sondern auch Bedeutungsebenen wie Wut und Galle oder Hitze und Leidenschaft anklingen lässt, passt zur Durchtriebenheit dieser Geschichte, an deren Ende nach lebenslangen Irrwegen zwei gealterte Liebende begreifen, dass "die Liebe zu jeder Zeit und an jedem Ort Liebe war, jedoch mit der Nähe zum Tod an Dichte gewann". Und so hissen sie an Bord eines Dampfers auf dem Magdalenenstrom die gelbe Choleraflagge, um fortan geschützt "vor dem Grauen des wirklichen Lebens" gemeinsam bis zum eigenen Lebensende in selbstgewählter Quarantäne zu verbleiben. Einen ahnen lassend, dass vielleicht "nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt." Allen Apokalypsen zum Trotz.

Corona und die Literatur

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2020 | 12:10 Uhr

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