Premiere "Cabaret" an der Oper Halle: Große politische Unterhaltung

Der Broadway zu Gast an der Saale: Der Musical-Klassiker "Cabaret", bekannt aus dem Film mit Liza Minelli, ist in Halle auf der großen Opernbühne zu sehen. Ein junge, unterhaltsame, gut gemachte Inszenierung, der es gelingt, politisch zu sein, ohne den Zeigefinger zu erheben – meint MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling, der bei der Premiere dabei war.

Szenenbild «Cabaret» an der Oper Halle
Junge Akteure bringen Cabaret-Flair auf die Bühne der Oper Halle Bildrechte: Falk Wenzel

Das Publikum bei der Premiere von "Cabaret" im Opernhaus in Halle war ein etwas anderes als sonst – sehr viele junge Leute waren da, ganze Familienverbünde waren offensichtlich gekommen. Was höchstwahrscheinlich auch etwas mit der Besetzung zu tun hatte, denn hier agierte nicht das Opernensemble. Diese Cabaret-Inszenierung ist eine konzertierte Aktion des Neuen Theaters, dem Hallenser Schauspielensemble also. Das sind Schauspielstudenten aus Leipzig, die hier nach dem Grundstudium ganz praktisch ausgebildet werden.

Dazu kommt der Jugendchor der Oper Halle – offensichtlich hochbegabte Laien. Die Staatskapelle beweist, dass in ihr genügend Potential für eine veritable Jazz- und Swingband schlummert. Zusammen mit der Technik und den Gewerken vom Opernhaus hat man sich darauf eingeschworen, mal die ganz großen Trommelstöcke auszupacken und es auch in Sachen Kostüme und Ausstattung so richtig stilvoll krachen zu lassen. Das Hallenser Stadt- und Staatstheater zeigte sich also spartenübergreifend bereit für den Broadway.

Cabaret-Flair im großen Opernhaus

Szenenbild «Cabaret» an der Oper Halle
"Willkommen, Bienvenue, Welcome" Bildrechte: Falk Wenzel

Die Bühnen-Bildnerin Claudia Charlotte Buchard setzt auf eine Art gleitenden Übergang. Im Orchestergraben sind kleine Tische platziert, an denen man wie im Cabaret zu Füßen der Bühne sitzen und auch was trinken kann – was in den normalen Zuschauerraum ausläuft. Wenn der Vorhang aufgeht, wird der Blick frei auf eine Revuebühne, mit der Staatskapellenband weit hinten und einer kleinen Showtreppe, die auf eine zweite Ebene führt. Viel Glitzer und Glimmer-Glammer und als Opener das berühmte "Willkommen, Bienvenue, Welcome" des Conferenciers. Hier in Halle ist er mit dem gut Zweimeter-Mann Florian Krannich besetzt – der als Blaupause des asigen Verführers, der in allen Sprachen und Geschlechtern zuhause ist, seine ganz eigene Note gibt. So eine Mischung aus weltläufiger Verderbtheit mit Berliner Herz und Schnauze. Ihm und den Kit-Kat-Girls und Boys gehört das Entree.

Da erleben wir den Humus für den Erfolg des Abends. Denn diese singende und tanzende Truppe rekrutiert sich nicht aus der Ballett-Compagnie des Hauses, die sich mal ostentativ vulgär geben darf. Nein, das sind ganz junge Leute, von der Konfektionsgröße 34 bis zum wogenden XXL-Weib. Also alles andere als durchgehendes Girlreihen-Gardemaß. Aber egal, sie haben Spaß, und sie haben richtig gut gearbeitet. Denn was der Choreograph Dominik Büttner ihnen abverlangt, das ist ganz hohes Handwerk, und das liefern sie. Mit ihrer Natürlichkeit, großer Spielfreude und eben erstaunlicher Präzision. Das bietet den Drive über den ganzen Abend.

Solisten und Tontechnik auf hohem Niveau

Szenenbild «Cabaret» an der Oper Halle
Szenenbild aus "Cabaret" an der Oper Halle Bildrechte: Falk Wenzel

Über die Solisten gerät man ins Schwärmen – und muss dabei unbedingt auch die Tontechnik des Opernhauses mit einbeziehen. Natürlich wird hier mit Mikroport gesungen, teilweise auch gesprochen. Aber die Darsteller werden dabei so sensibel ausgesteuert und in ihre Songs, in den Sound der nicht gerade klein besetzten Band hinein- und durchgetragen. Ein großer Teil der Wirkung kommt da von der Technik-Crew, die wie bei einem guten Konzert im Publikum platziert ist und das alles steuern kann. Auch hier sind Profis am Werk.

Die Solistin Cynthia Cosima Erhardt spielt die Sally Bowles. Sie ist Mitte 20 und schlau genug, hier keinen auf Liza Minelli zu machen. Sondern die Songs, die Figur mit der wilden Frechheit einer jungen Frau von hier und heute aufzuladen. Schon hat sie einen ganz eigenen Ausdruck. Was grundsätzlich auch auf alle anderen Figuren zutrifft. Hier wird, egal ob es der von Matthias Brenner gespielte, bedrohte jüdische Obsthändler Herr Schultz oder der aufsteigende Nazi Ernst Ludwig von Harald Höbinger ist, nie ein Klischee bedient. Die Regisseurin Henriette Hörnigk geht da mit großer Sensibilität vor. Was gerade im zweiten Teil, dem der Fallhöhe aus der Cabaret-Welt in die endgültig aufziehende Nazi-Zeit, zum Tragen kommt. Hier werden Menschen gezeigt, keine Abziehbilder. Opfer oder Täter, egal, jeder spielt seine Figur mit Liebe zu ihr, denunziert sie nicht vordergründig. Und da ist das Stück plötzlich ganz nah an einem dran.

Kein erhobener Zeigefinger, ein schnippsender

Die Mischung aus Unterhaltung und politischem Anspruch gelingt auf jeden Fall. Im zweiten Teil gibt es einen Moment, in dem sich der Kit-Kat-Club so langsam einen nationalen Anstrich gibt, ein goldglänzendes National-Bild, das sich in eine wilde Berliner Straßenkampf Szenerie auf Leben und Tod auflöst. Da singt Cynthia Cosima Erhardt inmitten dieser dann goldglitzernden Totenwelt ihr "Live is a Cabaret old Champ" zunächst ganz klein und leise und a cappella und führt es dann orchesterunterstützt trotzig zum Höhepunkt. In dieser Mischung aus gezielter und gekonnter theatraler Wirkung und ungekünsteltem Spiel funktioniert dieser Abend. Große politische Unterhaltung, die keinen Zeigefinger braucht und auch gar keinen hat. Weil der den Rhythmus schnippsen muss. Und wenn das so geschieht wie in Halle, hat das Theater alles richtig gemacht.  

Szenenbild «Cabaret» an der Oper Halle
Goldglänzende Totenwelt im "Kit-Kat-Club" Bildrechte: Falk Wenzel

Angaben zum Stück "CABARET"
Buch von Joe Masteroff, nach dem Stück "Ich bin eine Kamera" von John Van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood

Regie: Henriette Hörnigk
Musikalische Leitung: Peter Schedding
Choreografie: Dominik Büttner
Bühne: Claudia Charlotte Burchard
Kostüm: Henrike Engel
Dramaturgie: Philipp Amelungsen
Darsteller: Florian Krannich, Cynthia Cosima Erhardt, Nils Thorben Bartling, Barbara Schnitzler u.a.

Kommende Aufführungen:
Sonntag, 27. Oktober 2019, 18 Uhr
Donnerstag, 31. Oktober 2019, 19:30 Uhr
Freitag, 1. November 2019, 19:30 Uhr
Samstag, 23. November 2019, 19:30 Uhr
Samstag, 30. November 2019, 19:30 Uhr
Freitag, 13. Dezember 2019, 19:30 Uhr

Aktuelle Theaterrezensionen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Oktober 2019 | 09:40 Uhr

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