Kapitalismus-Kritik Sachbuch erklärt "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben"

Es ist ein Titel, der Aufmerksamkeit garantiert: "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben" heißt das Buch der US-amerikanischen Historikerin und Ethnografin Kristen R. Ghodsee. Sie analysiert sozialistische Systeme, umso die heutige Gesellschaft zu verbessern. Ein lesenswertes Buch, findet unsere Kritikerin.

Kristen R. Ghodsee: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben
Buchcover - Kristen R. Ghodsee: "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben" Bildrechte: Suhrkamp Verlag

"Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben" - allein der Titel ist eine Provokation: Denn er fragt nicht ob, sondern behauptet, dass es so ist. Und stellt damit einen Zusammenhang her, der sich nicht so ohne Weiteres erschließt: zwischen dem wirtschaftlichen und politischem System und dem eigenen Sexualleben. Doch der ist durchaus da, wie Kristen Ghodsee nachweist, und der Untertitel des Buches: "Und andere Argumente für wirtschaftliche Unabhängigkeit", gibt einen ersten Hinweis, worin dieser besteht.

Wie Sexualität in kapitalistischen Gesellschaften erfahren wird

Mann und Frau an einem FKK-Strand
FKK war normal in der DDR Bildrechte: IMAGO

Und gleich vorneweg: Ghodsee geht es nicht um eine Verherrlichung oder gar eine Rückkehr zum Staatssozialismus. Es geht ihr darum, die Erfolge sozialistischer Systeme zu analysieren, um so die heutige Gesellschaft zu verbessern. Ausgangspunkt von Ghodsees Untersuchungen ist die sogenannte sexualökonomische Theorie nach Roy Baumeister und Kathleen Vohs. Die besagt in aller Kürze: "... dass die frühen Stadien von Flirten und Verführung zwischen Männern und Frauen als ein Markt beschrieben werden können, auf dem Frauen Sex verkaufen und Männer ihn mit nichtsexuellen Ressourcen kaufen."

Frauen verkaufen also meist den exklusiven Zugang zu ihrer Sexualität und werden dafür von Männern versorgt: mit Geld, Schutz, Obdach, sozialem Status und so weiter. An dieser Theorie gibt es durchaus einige berechtigte Kritik. Etwa, dass sie fälschlicherweise davon ausgeht, dass Frauen einen kleineren Sexualtrieb haben als Männer, und daher die Nachfrage von Natur aus größer ist als das Angebot. Oder dass sie menschliche Interaktionen auf einen schlichten Warenaustausch reduziert. Trotzdem sollte man sie nicht einfach verwerfen, meint Ghodsee:

Ich kritisiere häufig reduktionistische ökonomische Modelle, aber von der sexualökonomischen Theorie bin ich fasziniert, und ich glaube, sie gewährt uns wertvolle Einsichten, wie Sexualität in kapitalistischen Gesellschaften erfahren wird.

Zitat aus "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben"

Was passiert, wenn Frauen trotz Familie unabhängig bleiben?

Was aber passiert, wenn Frauen einen unabhängigen Zugang zu Geld, Schutz und sozialem Status haben – und ihn auch dann noch behalten, wenn sie Kinder haben? Würde das nicht bedeuten, dass sie ihre Sexualität freier leben können, weil sie sie ohne Hintergedanken "verschenken" können? Um das zu untersuchen, blickt Ghodsee nach Osteuropa:

Die Erfahrungen mit dem Staatssozialismus in Osteuropa bieten ein interessantes natürliches Experiment, das unser Verständnis für die Wirkungen der politischen Ökonomie auf das heterosexuelle Liebeswerben vertieft.

Zitat aus "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben"

Wirtschaftlich unabhängiger, aber nicht gleichberechtigt

Zunächst zeichnet Ghodsee die Situation der Frauen in den sozialistischen Ländern Osteuropas nach, was die Bereiche Arbeit, Elternschaft und weibliche Führungsfiguren betrifft. Das Fazit ist hier ein wenig überraschendes Ja, aber: Ja, Frauen waren im Sozialismus wirtschaftlich unabhängiger, aber gleichberechtigt waren sie längst noch nicht. Ja, kostenlose Kinderbetreuung war vorhanden, aber weit entfernt von optimal, und ja, es gab weibliche Führungsfiguren, aber viel zu wenige.

Überlegenheit im sozialistischen Schlafzimmer?

Mode in der DDR - Zeitzeugen
Selbstbewusste Mode in der DDR Bildrechte: Buch Verlag für die Frau

Im zweiten Teil des Buches dann geht es ans Eingemachte: den Sex selbst. In dieser Hinsicht ist vor allem das zweigeteilte Deutschland interessant, da hier die gleichen kulturellen, aber unterschiedliche politische und ökonomische Bedingungen herrschten. Was überrascht, ist die gute Quellenlage auf die Ghodsee zurückgreifen kann – vor allem im Osten. Der Grund ist, so die Autorin: "Weil die ostdeutschen Forscher sich auf die sexuelle Befriedigung und da besonders auf die Befriedigung der Frau konzentrierten führten sie eine große Bandbreite empirische Studien durch mit dem Ziel, die Überlegenheit des Sozialismus im Schlafzimmer nachzuweisen."

Bei allen methodischen Problemen und politischer Propaganda: "... liefern diese Studien einige interessante Belege, dass die Menschen im Sozialismus tatsächlich besseren Sex hatten." Ghodsee trägt hier zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern und Jahrzehnten zusammen, immer mit anderen Details aber nahezu demselben Ergebnis, dass Frauen in den sozialistischen Staaten im Schnitt ihr Sexualleben als freier, befriedigender und authentischer wahrnahmen.

Lesenswertes Buch mit Quellenreichtum

Dieser Quellenreichtum ist eine der Stärken dieses ohnehin sehr lesenswerten Buches. Die Autorin weist nach, dass Beziehungen zwischen Menschen, die sich auf Augenhöhe und ohne Abhängigkeiten begegnen, insgesamt befriedigender und authentischer sind. Sie verbindet damit eine recht harsche Kritik des Kapitalismus US-amerikanischer Prägung. Dass die Autorin hier für eine US-amerikanische Leserschaft schreibt, und viel Zeit damit verbringt, Debatten in den USA zu kritisieren, stört nur wenig.

Man muss Ghodsee nicht in jedem Detail Recht geben, um viele Aspekte, die sie aufwirft, für bedenkenswert zu halten. Etwa diesen: "Gerade junge Frauen haben bei kollektiven Anstrengungen, gerechtere, fairere und nachhaltigere Gesellschaften aufzubauen, wenig zu verlieren und viel zu gewinnen." Darüber sollten wir reden.

Informationen zum Buch: Kristen R. Ghodsee: "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben - Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit"
Aus dem Englischen von Ursel Schäfer und Richard Barth
Erschienen bei Suhrkamp
277 Seiten, 18 Euro
ISBN: 978-3-518-07514-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Dezember 2019 | 11:15 Uhr

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