Frontmann von U2 Bono - Der Popstar und Weltverbesserer wird 60!

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikkritiker
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Was sagt Ihnen der Name Paul David Hewson? Nichts? Und Bono? Ah klar, der Sänger von U2. Bono ist der, der immer wieder auch ins große Weltgeschehen eingreift bzw. das versucht. Der mit allen Großen dieser Welt gespielt und dann einen schweren Fahrradunfall hatte. Der ein paar Rockmusik-Meilensteine mit seiner Band U2 vorgelegt hat. Der mit U2 immer noch in der Besetzung von 1978 spielt. Der seit 1982 mit seiner Frau verheiratet bleibt. Nun feiert Bono seinen 60. Geburtstag.

Bono Vox
Bono von U2 Bildrechte: imago/Independent Photo Agency Int.

Zum ersten Mal erreichten mich U2 mit voller Wucht durch ihren Auftritt 1983 beim WDR Rockpalast. Diese ARD-Musikinstitution war meinungsbildend - auch in der DDR. Rock'n'Roll-Leitkultur, wenn man so will, mit echten Führungspersönlichkeiten - keine Bonzen und Agitatoren, keine Parteisekretäre und Hortnerinnen. Patti Smith, Van Morrison, Sting & The Police, Rory Gallagher, Thin Lizzy: Rockpalast war der Gottesdienst des musikbegeisterten Adoleszenten und ja, das fällt natürlich auf in dieser Aufzählung: Es sind extrem viele Iren dabei. Und 1983 dann U2 mit ihren energetischen New Wave Songs "Sunday, Bloody Sunday", "I will follow" oder "New Years Day". Atemberaubend! Ich kannte zwar schon die drei Alben, die U2 damals veröffentlicht hatten: "Boy", "Oktober" und "War" - einem größeren Publikum wurde die Band aber erst mit dem vierten Album "The Unforgettable Fire" 1984 bekannt, um dann mit "The Joshua Tree" 1987 weltweit den Durchbruch in den Mainstream zu schaffen.

Einzigartig: U2 spielt immer noch in der Besetzung von 1978

1983 war Bono noch nicht Gott und noch nicht größer als sein Landsmann Bob Geldof. Bono, in Dublins Northside geboren und aufgewachsen, bekam seinen Spitznamen Bon Vox (gute Stimme) von seinen Mitschülern, denn Bono riss schon immer gern das Maul auf, wie man in Irland freundlich sagen würde. Was blieb dem extrovertierten Kerl übrig: ärmliche Verhältnisse, mit 14 die Mutter verloren - der Song "Iris" von 2014 ist ihr gewidmet. Dann trifft er die späteren Bandmitglieder - zunächst Larry Mullen Junior - und hat wieder so etwas wie eine Familie. U2 spielen seit 1978 in derselben Besetzung, fast unmöglich für eine Rockband dieser Dimension. Bono ist seit 1982 mit seiner Frau Alison verheiratet, auch das ist weit entfernt vom oberflächlichen und unbeständigen Jet-Set-Leben: Beständigkeit ist wohl die Zauberformal für Bono und seine Band. Und "The Joshua Tree" ist bis heute ein ikonisches Werk, musikalisch und optisch mit den Schwarz-Weiß-Fotos, die auch Anton Corbijn weltberühmt gemacht haben.

Wo es geht, protestiert Bono gegen das Unrecht dieser Welt

U 2
U2 Bildrechte: Universal Music

Auch wenn sich die Presse mitunter gern lustig macht: Bono meint es ernst mit seiner Musik, mit seinem politischem Engagement. Wenn irgendwo ein Mikro bereitsteht, um gegen das Unrecht auf dieser Welt zu protestieren - Bono greift es sich. Überhebt sich manchmal, bekommt aber die Wiederauflage von Live Aid zusammen mit Bob Geldof. Dann wider gibt es einen Steuerskandal, Bono wird in den Paradise Papers genannt.

Ich habe in den langen Jahren, die ich U2 nun verfolge, immer wieder versucht, mich auf die Energie der Musik zu konzentrieren. Als am 7. Juli 2005 London von islamistischen Selbstmordattentaten heimgesucht wurden, saß ich mit gemischten Gefühlen abends im Olympiastadion und wartete auf U2. Als am Horizont in Fingernagelgröße eine Gruppe von 30 schwarz gekleideten Männern am Haupteingang hinter der Bühne auftauchte, konnte ich Bono genau erkennen. Die Körpersprache? Die Aura? Die großkotzige Selbstverliebtheit? Keine Ahnung. Das Konzert war großartig - U2 starteten mit einem passenden Song: "Vertigo". Das erinnert natürlich an den Hitchcock-Klassiker gleichen Namens - "Vertigo" so hieß die erste Single aus dem damals neuen Album mit dem eigenartigen Titel: "How to dismantle an atomic bomb", also wie man eine Atombombe entschärft. Hinter dem Albumtitel steckte natürlich jede Menge Bedeutung, wir haben es schließlich mit Bono zu tun und dessen Songs kombinierten immer gern Weltgeschichte und Privates.

Wer U2 wirklich verstehen will, muss die Band live sehen

2001 hatte Bono seinen Vater verloren, in Interviews spricht er gern über ihn. Besonders anrührend ist die Anekdote, in der Bono erzählt, wie U2 zu einem Konzert in New York City die Väter von Bono und Edge mitgenommen hatten und die beiden alten Herren, sehr irisch, die Stadt, die niemals schläft, bei einer Riesensauftour entdeckten.

2014 hatte Bono einen gefährlichen Fahrrad-Unfall, zu Beginn der 90er-Jahre hatte er einen Trabant gekauft, nachdem die Band für das Album "Achtung, Baby" nach Berlin gegangen war, wo sie sich ähnliche Inspiration für ihre Musik erhofften, wie David Bowie Ende der 70er-Jahre. Das ging nicht ganz auf, aber auf "Achtung Baby" finden sich große Songs, wie etwa "One", das später durch die Version von Johnny Cash geadelt wurde oder "Who's gonna ride your white Horses".

Wer U2 wirklich verstehen will muss die Band live sehen. Im Plattenladen Borderline Records in Dublins Szeneviertel Temple Bar, wo U2 ihre Karriere begonnen haben, fand ich einmal ein Bootleg namen Duets. Darauf zu finden sind Live-Versionen in schlechter Qualität und trotzdem Rock'n'Roll-Geschichte. Etwa wenn Bono zusammen mit Prince dessen Stück "The Cross" spielt. Gibt's auch auf Youtube, allerdings ohne Video.

2005 übrigens, das Jahr, in dem ich mein vielleicht bestes U2 Konzert erlebte, war Bono auch "Person oft the year" geworden - zusammen mit Bill & Melinda Gates. Spaßvögel fragen sich gerade, wer wohl eher mit einem Impfstoff gegen Corona kommen wird - Bono oder Bill. Bonos Auszeichnungen sind kaum zu überschauen genau wie die Bücher über ihn, das bekannteste wohl: "Killing Bono" von seinem Schulkumpel Neil McCormick wurde auch verfilmt. Bono nimmt das alles mit Humor, lässt sich in amerikanischen Talkshows die größten Sonnenbrillen verpassen und wirkt manchmal so, als könne er selbst kaum glauben, was er erreicht hat. Auch wenn die letzten U2-Alben gemischte Angelegenheiten waren. Das letzte, "Songs of Experience" von 2017, hatte wieder ein paar große Songs, die an die Energie der Anfangsjahre erinnern und zugleich demütig das Leben reflektieren. Diese Songs kriegen mich auch heute noch.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Mai 2020 | 15:45 Uhr