Rückblick Die zehn besten deutschen Filme der Zehner

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Mit dem Ende von 2019 gehen nicht nur ein Jahr, sondern auch die Zehner vorbei. Zeit, zurückzublicken. Die Zehner waren eine aufregende Zeit für den deutschen Film. Wir haben die zehn besten deutschen Filme gekürt. Neben klaren Favoriten wie "Victoria", "Toni Erdmann" und "Oh Boy" sind auch einige Überraschungen dabei.

Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski in einer Szene des Films "Victoria"
Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski in "Victoria" Bildrechte: Senator Film Verleih/Berlinale/dpa

Victoria

D 2014, Regie: Sebastian Schipper

Ein Film wie ein Rausch. Ein paar Jugendliche in Berlin und eine Nacht, die aus dem Ruder läuft. Alles an diesem Film ist aufregend: Die Schauspieler (Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski), die nur zwölf Seiten Drehbuch hatten und daher echte Dialoge raushauen. Die Story einer Romanze, die mit viel Sirenen endet. Und natürlich der Schnitt, den es gar nicht gibt, denn die gesamten 140 Minuten des Films sind in einer Einstellung gedreht. Kameramann Sturla Brandth Grøvlen war immer dabei, musste die schwere Kamera immer draufhalten und dabei durch Berlin rennen. Regisseur Sebastian Schipper ("Absolute Giganten") ist ein Film gelungen, nach dem man völlig fertig ist. So als wäre man die ganze Nacht dabei gewesen.

Victoria (Laia Costa) lernt Sonne (Frederick Lau) kennen
Victoria (Laia Costa) lernt Sonne (Frederick Lau) kennen Bildrechte: Senator Filmverleih

Toni Erdmann

D 2016, Regie: Maren Ade

Was für eine Komödie! Dabei ruft das Wort Komödie (und dann auch noch eine deutsche) in dem Fall völlig falsche Assoziationen hervor. Mit viel Humor, aber auch sehr klug erzählt "Toni Erdmann" nicht nur eine Vater-Tochter-Geschichte, in der ein peinlicher Vater mit schlechten Witzen das Verhältnis zu seiner erfolgreichen Business-Tochter verbessern will. Regisseurin Maren Ade zeigt den Generationskonflikt der 68er mit ihren unpolitischen und karriereorientierten Kindern, sie zeigt aber vor allem die Einsamkeit in einer neoliberalen globalisierten Gesellschaft. Ein Film zwischen Traurigkeit und Witz und mit und zwei tollen Hauptdarstellern (Sandra Hüller und Peter Simonischek).

Sandra Hüller und Peter Simonischek
Peter Simonischek und Sandra Hüller Bildrechte: Komplizen Film

Halt auf freier Strecke

D 2011, Regie: Andreas Dresen

Bei all dem Applaus und dem Ruhm für Andreas Dresens Biografie-Film "Gundermann" ist fast schon vergessen, dass der Regisseur am Anfang dieses Jahrzehnts schon einen äußerst bemerkenswerten  Film herausgebracht hat. In "Halt auf freier Strecke" zeigt er den Verfall und das Sterben eines Krebskranken in einem Berliner Reihenhaus. So real, so unkitschig, so herzzerreißend. Von der Diagnose über den letzten Sex bis zu den Abschiedsworten der Tochter ("Ich muss zum Training") wird der ganze Alltag gezeigt – ohne Rücksicht auf Verluste. Milan Peschel spielt den kranken Familienvater, der immer mehr die Kontrolle über Körper und Geist verliert. Ein Film voller leiser, oft dokumentarisch anmutender Alltagsszenen, die das Ganze so traurig machen.

Milan Peschel als Frank Lange und Steffi Kühnert als Simone Lange in einer Szene des Kinofilms -Halt auf freier Strecke - (undatierte Filmszene).
Milan Peschel als Frank Lange und Steffi Kühnert als Simone Lange Bildrechte: dpa/Pandora Film

Systemsprenger

D 2019, Regie: Nora Fingscheidt

Der Überraschungserfolg 2019! Denn ein Film über ein schwer erziehbares Kind bedient nicht unbedingt ein Kassenschlager-Thema. Doch Regisseurin Nora Fingscheidt hat mit ihrem preisgekrönten Debüt-Spielfilm einen aufwühlenden Film geschaffen. Die neunjährige Benni kommt nicht klar in der Welt und die Welt nicht mit ihr. Und obwohl sich Ämter und Sozialarbeiter viel Mühe geben – fast alle wollen ihr Gutes, doch sind überfordert – findet sich keine Lösung, wo und wie das Kind sein Leben verbringen kann. Sie sprengt das System. Ein Film, der einen irritiert, bewegt, diskutierend und fragend aus dem Kino entlässt. Das schaffen nur wenige.

Filmstill, ein Kind in roter Jacke schreit.
Helena Zengel als Benni Bildrechte: kineo Film, Wydemann Bros., Yunus Roy Imer

Oh Boy

D 2012, Regie: Jan Ole Gerster

Allein der Running-Gag, dass Niko (Tom Schilling) in ganz Berlin einfach keinen normalen Kaffee kriegt, ist schon sehr witzig. Aber auch: der Dialog beim "Idiotentest", die Hackbällchen im Klo oder das Problem mit dem Schwarzfahren. Jan Ole Gerster zeigt in "Oh Boy" mit sehr viel Komik die Orientierungslosigkeit eines Großstädters um die 30. Ein mit Jazz-Musik unterlegter Schwarz-Weiß-Film, der tatsächlich lustig wie melancholisch ist – so etwas war man vom deutschen Kino kaum gewohnt.

Tom Schilling im Film 'Oh boy'
Tom Schilling Bildrechte: imago images / Prod.DB

Barbara

D 2012, Regie: Christian Petzold

Um DDR-Geschichte zu erzählen, hat das deutsche Kino immer wieder neue Versuche unternommen. Besonders gelungen ist "Barbara" von Christian Petzold, der bildreich die schöne Weite der Ostseeküste mit der engen Tristesse von Krankenhaus und Wohnung verbindet. Kühl und kontrolliert sind die Charaktere, vor allem Nina Hoss als strafversetzte Ärztin, die eine Flucht in den Westen plant. Die individuelle Geschichte zeigt die großen Themen des Staates. Das Misstrauen der Menschen, die ständige Bedrohung, aber auch die privaten Leidenschaften im Spannungsfeld politischer Ansichten.

Nina Hoss und Jasna Fritzi Bauer
Nina Hoss und Jasna Fritzi Bauer Bildrechte: imago/Prod.DB

Herbert

D 2015, Regie: Thomas Stuber

Einen umgekehrten Boxfilm nennt Regisseur Thomas Stuber sein Spielfilmdebüt. Denn wir sehen nicht dabei zu, wie ein junger Boxer bis zu einem entscheidenden Kampf aufgepäppelt wird, sondern wie ein älterer, einst großer Boxer immer mehr verfällt und an der Krankheit ALS zugrunde geht. Das Drehbuch schrieb der Leipziger Regisseur gemeinsam mit Schriftsteller Clemens Meyer. Eine Zusammenarbeit, die auch bei "In den Gängen" wundervoll funktionierte. In "Herbert" begeistert Peter Kurth als Ex-Knacki, bei dem trotz aller Härte immer auch das Herz durchscheint. Rührend!

Herbert (Peter Kurth) in einer Szene des Films 'Herbert'.
Peter Kurth als Herbert Bildrechte: Frederic Batier/WDR/ARD/dpa

Aus dem Nichts

D 2017, Fatih Akin

Inspiriert vom Nagelbombenattentat des NSU hat Fatih Akin in "Aus dem Nichts" einen Film gemacht, der viele politische Einzelheiten der Thematik NSU-Terror außen vorlässt. Vielmehr zeigt er die private Geschichte einer getroffenen Frau in drei Teilen: Familiendrama, Gerichtsfilm und Rachefeldzug. Die Großartigkeit dieses Films ist vor allem auf der schauspielerischen Leistung von Diane Kruger begründet, die all die Verletzung, die Wut, die Trauer überzeugend spielt. Verstörender Thriller, der die Grausamkeit des Neonazi-Terrors in einem persönlichen Drama zeigt, das mit Gegengewalt endet.

Diane Kruger
Diane Kruger auf Rachefeldzug Bildrechte: imago/Prod.DB

Finsterworld

D 2013, Regie: Frauke Finsterwalder

Ein Polizist, der gerne Teddykostüme trägt. Ein Fußpfleger, der Hornhaut in Keksen verbäckt. Ein reiches Ehepaar, das im Miet-SUV durchs Land heizt. Regisseurin Frauke Finsterwalder und ihr Drehbuchautor, der Schriftsteller Christian Kracht, verbinden seltsame Charaktere und Situationen zu einem hochgradig besetzten Episodenfilm – u.a. mit Corinna Harfouch, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld. "Finsterworld" ist eine schwarzhumorige Satire, Komödie und ein Kammerspiel über die deutsche Befindlichkeit, die nicht nur von gemeinen Elite-Schülern beim Schulausflug ins KZ repräsentiert wird. Skurril und böse.

Szene des Kinofilms "Finsterworld"
Ronald Zehrfeld im Teddybärkostüm Bildrechte: Alamode/dpa

Sandmädchen

D 2017, Regie: Mark Michel

Im Bereich Dokumentarfilm stach "Sandmädchen" in den letzten Jahren besonders heraus. Der Leipziger Regisseur Mark Michel begibt sich in die Welt von Veronika Raila, schwerbehinderte Autistin, der als Kind ein IQ von 0 attestiert wurde. Aber Veronika ist klug und voller Wissensdurst, sie kann sich nur schwer ausdrücken. Sie arbeitet sogar mit Michel an dem Film über sie, der sie zuhause in der zeitintensiven Kommunikation mit ihrer Mutter zeigt, aber auch als "Sandmädchen" voller interessanter philosophischer Gedanken, illustriert mit Sandmalereien. Ein auf vielen Ebenen aufwühlender Film.

Eine junge Frau im Rollstuhl, daneben ihre Mutter stehen auf einer Dünen im Sonnenlicht. Die Mutter hält einen roten Sonnenschirm.
Veronika Raila ist das "Sandmädchen" Bildrechte: Mark Michel / worklights media production

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