Rückblick Die zehn besten deutschsprachigen Alben der Zehner

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Die Zehner waren zum einen das Jahrzehnt, wo der Hiphop nochmal neu erfunden wurde, sowohl von düsteren Rappern wie Casper als auch von wütenden Rapperinnen wie Ebow. Zum anderen wurde die Popmusik wieder politisch – das haben Kettcar eindrucksvoll bewiesen. Und ein ganz neues Genre ist entstanden: coole Kindermusik. Aber die besten Platten kamen aus Österreich, dank Bilderbuch und Ja, Panik, und aus Chemnitz, dank Kraftklub und Trettmann.

Kraftklub geben in Chemnitz ein Überraschungskonzert
Die Zehner waren auch das Jahrzehnt von Kraftklub Bildrechte: MDR/Harry Härtel

Ja, Panik – Dmd Kiu Lidt

Eigentlich ist dieses Album nicht deutschsprachig, denn Andreas Spechtl, Sänger der österreichischen und in Berlin lebenden Indieband, singt in einem grenzüberschreitenden Mischmasch aus Deutsch und Englisch, wenn er über die Troubles im Leben, in Europa und der Welt sinniert, über Verlassen, über Selbstmord, über die Gefahr der Worte "I love you", über Selbstzweifel und die anderen in der Band. Das Album mündet im 14-minütigen Titelstück, einem mehr gesprochenen als gesungenen rauschhaften Erfahrungsbericht. Dmd Kiu Lidt steht dabei für "Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit".

Sänger Andreas Spechtl (l-r) Sebastian Janata und Stefan Pabst von der Band Ja, Panik.
Sänger Andreas Spechtl, Sebastian Janata und Stefan Pabst von der Band Ja, Panik. Bildrechte: Gabriele Summen/dpa

Bilderbuch – Schick Schock

Nochmal Österreich, nochmal eine wilde Mischung aus Deutsch und Englisch. Und doch ganz anders. "Verführerisch gesellschaftskritisch" möchte Maurice Ernst mit seiner Band Bilderbuch sein. Das klappt ganz wunderbar. Großartiger Pop und sexy Songs, zu denen man tanzen und nachdenken kann. Beeinflusst von Kanye West und Prince und allem, was man auf Spotify hören kann. Vor "Schick Schock" haben sie Indierock gemacht, hier sich jetzt neu erfunden, zwischen Rock‘ n' Roll, Soul, Rap und viel Extravaganz. Bei Bilderbuch klingen sogar Soft-Drink-Firmen nach erhabener Schönheit.

Michael Krammer, Philipp Scheibl, Peter Horazdovsky und Maurice Ernst von der österreichischen Band Bilderbuch
Sie sind auch immer sehr gut gestylt: Die Musiker von Bilderbuch Bildrechte: Timothy Schaumburg/Maschin Records/dpa

Kraftklub – Mit K

"Wir sind nicht kredibil, wir machen Popmusik, wir sind nicht wie die anderen Jungs, doch eure Mädchen tanzen mit uns", singen Kraftklub im ersten Song auf ihrem ersten Album. Das stimmt nicht ganz, denn die fünf Chemnitzer sind ziemlich glaubwürdig. Mit ihrem Indierock mit Sprechgesang haben sie die Zehner stark geprägt. Sie haben ihre Geburtsstadt Karl-Marx-Stadt auf die Karte der coolen Städte geholt – auch durch das von ihnen organisierte Kosmonaut-Festival – und wurden von einer Jugend-Zeitgeist-Band immer mehr zu einer mit politischen Statements. Und so witzig und so auf den Punkt hat noch keine deutsche Band den Alltag zwischen Mate Peng und Retro-Kassengestellbrillen dargestellt.

Kraftklub
Kraftklub zum Zeitpunkt ihres Debütalbums "Mit K" Bildrechte: Universal

Casper – Xoxo

Casper habe den Hiphop mit seinem Album "Xoxo" revolutioniert, da waren sich Feuilletonisten und Rap-Foren einig. Und ja, Benjamin Griffey aka Casper hat sie alle zusammengebracht: Die Hiphopper und die Hardcore-Fans, die Indie-Typen und die Rapper, die Depressiven und die Wütenden. Es ist ein düsteres Album, was auch an seiner dunklen Stimme liegt. Ein Album über die großen Themen, über Liebe und Tod, über Abschied und Wiedersehen, über Freundschaft und Einsamkeit. Und auch über die Schönheit des Lebens: Wenn schon scheiße tanzen, dann so, dass die ganze Welt es sieht.

Ein Mann hockt auf einer Bühne und singt.
Casper Bildrechte: imago/Future Image

Die Heiterkeit – Pop & Tod I+II

Die coolste Band des Landes und der Dekade. Schließlich beginnt Stella Sommer die Platte mit: "Hier kommt die Kälte". Ein Doppelalbum mit dem großen Titel "Pop & Tod I+II". Tief und dunkel und weise und undurchsichtig sind die Lieder. Betrogen werden, im Zwiespalt sein und sich fragen, wie andere es aushalten – darum geht es hier. Zufällig haben sie dann noch den Song zum Steuerbetrug des Jahrzehnts veröffentlicht: "Baby, baby, schick es nach Panama City".

Stella Sommer
Stella Sommer von Die Heiterkeit Bildrechte: dpa

Trettmann – #DIY

Die Neuerfindung der Dekade! Trettmann nennt sich nicht mehr Ronny und sächselt auch nicht mehr. Dafür singt der Leipziger beispielsweise im Song "Grauer Beton" darüber, wo er herkommt. Aus dem Plattenbaugebiet Fritz-Heckert-Siedlung  in Karl-Marx-Stadt. Mit Autotune und dem Produzententeam Kitschkrieg ist Trettmann erwachsen geworden und trotzdem beliebt bei den cool kids.

Trettmann
Trettmann Bildrechte: awhodat

Deine Freunde – Ausm Häuschen

Eine der wichtigsten Platten in Sachen deutschsprachiger Pop, sagt MDR-KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske über "Ausm Häuschen" von Deine Freunde. Denn damit bekam das bis dahin dröge dahinblubbernde Segment des Kinder-Pop endlich richtiges Leben eingehaucht. Was die Musiker, die unter anderem früher bei Echt und Fettes Brot spielten, da machen, kann man gar nicht hoch genug loben, finden vor allem Eltern.

Die Hamburger Kinderband Deine Freunde, 2018
Die Hamburger Kinderband Deine Freunde Bildrechte: imago images / Christoph Worsch

Kettcar – Ich vs. Wir

Es ist nicht leicht, öffentlich politisch zu sein – zu hart sind oft die Reaktionen derer mit einer anderen Meinung. Mit "Ich vs Wir" hat die Hamburger Schule-Band Kettcar ein sehr politisches Album herausgebracht, und die Reaktionen folgen prompt: "Bundesrepublikanische Linksmainstream-Befindlichkeiten" mit "Next Exit Kirchentag" beschrieb es das inzwischen leider gestorbene Musikmagazin Spex. Von Juli Zeh bis Thees Uhlmann bejubelten allerdings auch alle den DDR-Flüchtlings-Song "Sommer´89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)", in dem Marcus Wiebusch die Einerseits-Andererseits-Diskussionen am linken WG-Küchentisch direkt schon vorwegnahm. Es ist kompliziert. Aber ein Album gegen Zynismus und für Gutmenschen kann so falsch nicht sein in einem Jahrzehnt, in dem Pegida und die AFD groß wurden.

Marcus Wiebusch
Marcus Wiebusch von Kettcar Bildrechte: dpa

Ebow – K4L

Eine erfreuliche Entwicklung der Zehner war, dass sie viele tolle Rapperinnen hervorgebracht haben: SXTN, Hayiti, Eunique, um nur einige zu nennen. Herausragend ist die Münchnerin Ebow, die 2019 ihr drittes Album "K4L" herausbrachte, eine Abkürzung für "Kanak for life". Darauf rappt sie über ihre Familie mit kurdischen Wurzeln genauso wie übers Partymachen. Inspiriert von Musikerinnen wie M.I.A. und Missy Elliott wettert sie mal wütend gegens System, gegen Rassismus und weiße (männliche) Vorherrschaft, mal singt sie in softeren R’n‘B-Songs über Liebe und Netflixgucken. Kritisch und schön.

Ebow
Die Rapperin Ebow Bildrechte: Seayou Records

Deichkind – Niveau Weshalb Warum

Die Hamburger Band Deichkind hat den Deutschen eine Menge Slogans gegeben. Ob "Arbeit nervt", "leider geil" oder neuerdings "Wer sagt denn das". Auf "Niveau Weshalb Warum" heißt es unter anderem "Like mich am Arsch". Bester Spruch für die Social-Media-lisierung der eigenen Lebenssituationen. Neben Slogans hauen Deichkind vor allem Partymusik raus, die irgendwo zwischen ironisch und klug ist.

Deichkind
Deichkind Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Dezember 2019 | 18:05 Uhr

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