Inbegriff klassischer Musik Darum ist Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie ein Hit

Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie erklingt in Sankt Petersburg, Kinshasa, Rio de Janeiro und Osaka. Zu Silvester flimmert sie über unzählige Fernsehbildschirme, ist Teil von Kinofilmen, Fernsehwerbung und Flashmobs. Kein Zweifel: Die Neunte ist Pop – und neben der Fünften gewissermaßen der Inbegriff für klassische Musik überhaupt. Aber warum ausgerechnet dieses Werk? Warum wurde gerade die Neunte weltweit ein Hit?

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Ein Chor 4 min
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Beethovens Neunte mit dem berühmten Schlusschor kennt wohl fast jedes Kind weltweit. Was genau macht diese Musik zu einem Hit? Wir haben nachgefragt bei den Musikwissenschaftlern Matthias Hirschfeld und Helmut Loos.

MDR KULTUR - Das Radio Do 26.03.2020 15:45Uhr 04:21 min

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Jedes Jahr versammeln sich Menschen im japanischen Osaka zu Konzerten der Superlative. Da darf auch Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie nicht fehlen, gesungen von etwa rund 10.000 Japanerinnen und Japanern. Die meisten von ihnen sind Amateure und haben mühevoll Schillers deutschen Text gelernt.

Der Chor ist anspruchsvoll, aber er ist auch für Laien zu schaffen, die sich damit beschäftigen.

Matthias Hirschfeld, Japanologe & Musikwissenschaftler

Einbeziehung der Chöre als wichtiges Element

Die Klassik-Begeisterung in Japan ist bekannt. Aber Beethovens Neunte genießt dort einen Sonderstatus, sagt der Japanologe und Musikwissenschaftler Matthias Hirschfeld. Es ist außerdem Referent für Internationale Beziehungen der Staatskanzlei Niedersachsen und führt aus: "Sicher ist die Verbindung von Wort und Ton und die Einbeziehung der Chöre ein wichtiges Element. Der Chor ist anspruchsvoll, aber er ist auch für Laien zu schaffen, die sich damit beschäftigen. Dadurch machen viele Menschen diese verbindende Erfahrung des gemeinsamen Musizierens und einer doch sehr erhebenden Musik."

Symbol der Völkerverständigung

Internierte deutsche Kriegsgefangene im Gefangenenlager Bando im Ersten Weltkrieg
Deutsche Kriegsgefangene im Gefangenenlager Bandō. Bildrechte: picture alliance/Privat/Susanne Hake/dpa

Heute gilt die Neunte als Symbol der Völkerverständigung. Aber dass sie einst nach Japan gekommen ist – dazu hat ausgerechnet der Erste Weltkrieg geführt. Laut Matthias Hirschfeld waren es deutsche Kriegsgefangene im Lager Bandō, die das Werk im Jahr 1918 nach Japan brachten: "Der Chor war umgeschrieben für Männerstimmen, die Instrumente waren zum Teil selbst gebaut."

Es war die erste vollständige Aufführung der Neunten Sinfonie in Japan und in Asien, wie wir heute wissen.

Matthias Hirschfeld, Japanologe & Musikwissenschaftler

Japan bewegte sich mit Beethoven nach Westen

Die Aufführung fiel in eine Zeit des kulturellen Umbruchs. Japan hatte beschlossen, westlicher zu werden. Ein Prozess, der bereits um 1870 begonnen hatte. Dazu gehörte auch, sich westliche Musik anzueignen, wofür beispielsweise Musikstudenten nach Deutschland geschickt wurden.

Die Spitze der Evolution darstellen

Dem Trend zur Verwestlichung folgten in dieser Zeit viele Länder. Mitteleuropa übte zu Beethovens Lebzeiten eine große Anziehungskraft auf andere Gesellschaften aus, wie der emeritierte Professor für Musikwissenschaft Helmut Loos erklärt: "Man wollte ja auch die Spitze der Evolution darstellen, da übernahm man natürlich nicht nur die Organisationsstrukturen aus der Verwaltung, man übernahm auch die ganze Kultur. Weil man ja auch da sagte, 'Das ist die Spitze der Evolution und deshalb brauchen wir das auch.'"

Warum Beethoven?

Ludwig van Beethoven in einem Gemälde von Karl Joseph Stieler.
Ludwig van Beethoven Bildrechte: imago/Leemage

Aber warum wurde gerade Beethoven zum Aushängeschild westlicher Kultur und nicht ein anderer klassischer Komponist? Folgt man Helmut Loos, liegt das am Beethoven-Mythos, den vor allem die deutschen Romantiker befeuerten.

Und warum gerade die Neunte Sinfonie? Matthias Hirschfeld hat eine Erklärung: "Dieses Stück, was also beispielsweise auch keine Messe ist, was keinen christlichen-religiösen Text hat, sondern einen wirklich menschheitsverbindenden, übergreifenden Inhalt, ist etwas, womit sich eben auch in einer ganz anderen Kultur identifizieren kann."

Die Neunte als Europahymne

Nie wurde der Stellenwert der Neunten Sinfonie so deutlich wie 1972, bei einer folgenreichen Entscheidung des Europarats. Helmut Loos erklärt: “Es war nie eine Diskussion, dass das die Hymne der EU sein sollte. Da gab es nie eine Diskussion! Das war von Anfang an klar."

Wir sind eine fortschrittliche, moderne Gesellschaft und das ist das Symbol dafür.

Helmut Loos über die Neunte Sinfonie

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2020 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2020, 04:00 Uhr

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