Dampfmaschine, Computer, Internet Woher kommt die Angst vor neuer Technologie?

Jede große Erfindung stieß zunächst nicht nur auf Begeisterung, sie rief auch Kritiker auf den Plan. Teilweise waren die Bedenken auch nicht unbegründet, führte doch der Webstuhl tatsächlich zum Arbeitsverlust für die Handweber. Manche Entwicklungen wurden zunächst freudig begrüßt, zeigten dann jedoch ihre dunkle Seite. Woher kommen unsere Technologieängste und wie kann man damit umgehen? Antworten gibt die Technikhistorikerin Anke Woschech.

Eine Frau steht in einem Raum mit einer Plastik/Figur.
Zahlreiche Film spielen mit der Angst des Menschen vor neuer Technik Bildrechte: IMAGO / Prod.DB

MDR KULTUR: Viele große Erfindungen haben zunächst Skepsis hervorgerufen, ob Buchdruck, Telefon, Radio, Fernsehen oder Internet. Woher kommt diese Technologieangst?

Anke Woschech: Wenn wir uns diese Ängste in der Geschichte neuer Technologien anschauen, über die wir vielleicht auf den ersten Blick nur schmunzeln können, weil es uns ein bisschen abstrus anmutet, sollten wir erstmal schauen, den Blick und die Standortgebundenheit der Zeitgenossen besser kennenzulernen. Und verstehen zu lernen. Das heißt, diese Ängste waren interessengebunden, waren standortgebunden – und wohlbegründet häufig.

Da ging es um Statusfragen, um Machtfragen, es ging um den unmittelbaren Alltag, um Erwerbstätigkeit und so weiter und so fort. Das heißt, hier hat man's meistens mit Verträglichkeit und Akzeptanzproblemen von neuen Technologien zu tun.

Eine Frau steht in einem Raum mit einer Plastik/Figur. 7 min
Bildrechte: IMAGO / Prod.DB
Eine Frau steht in einem Raum mit einer Plastik/Figur. 7 min
Bildrechte: IMAGO / Prod.DB

Wir haben da in der Geschichte der Frühindustrialisierung ja dieses extrem prominente Beispiele mit den Maschinenstürmern. Wo es darum ging, dass durch diese Maschinisierung der Textilarbeit ein Verlust des Arbeitsplatzes drohte – was ja dann auch erfolgt ist.

Wenn Sie diese anderen Beispiele jetzt nehmen, das  Telefon beispielsweise. Auch hier lässt sich das wohl begründen. Im Deutschen Kaiserreich war es so, dass das Telefon – was eigentlich vorzugsweise erstmal in der Geschäftssphäre etabliert war – aber dann im gehobenen Bürgertum diskutiert wurde. Hier ging es darum, dass man Angst hatte vor dem Einbruch in die bürgerliche Privatsphäre. Dass hier durch das Klingeln quasi so ein Einbruch erfreut, was neue Umgangsformen impliziert und die bürgerliche Etikette gestört hat.

Und dann sehen wir auch, dass diese Ängste erstens wohl begründet waren oder dass das andockt. Und dass diese Debatten um ständige Erreichbarkeit – so kann man es ja herunterbrechen, die wir heute auch führen in Bezug auf Digitalisierung und so weiter und so fort und die neuen Kommunikationstechnologien – dass die uns gar nicht so fremd sind. Also, dass das wiederkehrt. Dass hier Muster dabei sind.

Und wovon hängt ab, inwieweit sich Menschen diesen neuen technischen Errungenschaften auch anpassen können?

Eine junge Frau mit einem Volksempfänger, ca. 1930er Jahre Deutschland
Das als positiv gepriesene Radio verwandelte sich im Dritten Reich schnell zur Propagandamaschine Bildrechte: IMAGO / Prod.DB

Zum einen ist es so, dass diese Ängste – aber auch die Gegenseite, Euphorie es spielt ja auch eine große Rolle. Also, wenn Sie jetzt gerade das Radio nehmen, als drittes Beispiel. Da würde ich nämlich sagen, dass hier vorzugsweise von einer Radioeuphorie gesprochen werden konnte in den 30er-Jahren. Wir haben so ein wunderbares Zitat von Albert Einstein, was er auf der siebenten deutschen Funkausstellung 1930 fabriziert hat: Wo er das Radio als Mittel der Völkerversöhnung konzipiert hat. Die Tagespresse verzerre die Wahrnehmung und der Rundfunk wäre ungefiltert lebendig, zeige die Mitmenschen – ich zitiere wortwörtlich – "in der Hauptsache von der liebenswürdigen Seite". Was natürlich wirklich eine Lobeshymne auf das Radio ist.

Und drei Jahre später haben wir den Volksempfänger – also genau das Gegenteil. Also das zeigt erstmal, inwieweit Prognosen eine Aussagekraft über die Zukunft haben – haben sie nämlich meistens nicht – sondern inwieweit Prognosen vor allem über die Zukunft eigentlich standorts- und gegenwartsgebunden sind.

Technik ist also offenbar auch moralisch und politisch aufgeladen – obwohl sie ja eigentlich erstmal neutral ist?

Naja, dieses Neutralitätspostulat ist auch zu hinterfragen. Es kommt einem erstmal ein bisschen besser vor, als Technik zu dämonisieren. Aber dieses Neutralitätspostulat würde auch implizieren, dass Technik wertneutral entwickelt werden würde. Und das tut es nicht! Also selbst schon diejenigen, die wirklich eng dabei sind – Ingenieure, Ingenieurinnen, Wissenschaftler und so weiter und so fort – haben kulturelle Wertvorstellungen, die sie in die Technikentwicklung mit reinbringen.

Im Testraum des San-Raffaele-Krankenhauses in Mailand lachet ein junges Mädchen staunend, als der kleine Roboter Nao ihr, im Rahmen des Forschungsprojekts Aliz-e, seine Tanzkunststücke vorführt (Foto vom 27.07.2010). Für das Mailänder Forschungsprojekt kommt jedes Kind drei Mal ins Krankenhaus, um zu spielen. Nao ist mit sechzig Zentimetern Größe wesentlich kleiner als die Kinder, mit denn er spielt, doch die Forscher des Aliz-e Projekts haben Großes mit ihm vor. Nao ist ein Roboter. Wenn er voll ausgereift ist, könnte er eines Tages zum Personal von Kinderkliniken gehören, um kleinen Patienten die Angst vor Ärzten und Apparaten zu nehmen. Das über Forschungsinstitute in ganz Europa verteilte Projekt wird von der Europäischen Union über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren mit insgesamt knapp elf Millionen Euro gefördert.
Kinder begenen neuen Technologien häufig unbefangen Bildrechte: IMAGO / Prod.DB

Und gleichzeitig muss man sagen, dass diese Ängste, aber auch die Euphorie letztendlich dann abnehmen, wenn sich neue Technologien in den Alltag implementieren. Also wenn quasi diese erste Imaginationsphase überstanden ist. Und dann schwächt sich das in der Durchsetzungsphase ab.

Aber interessant ist – wenn man technikhistorisch drauf guckt – dass sich das immer und immer wieder zeigt. Das ist schon bei der Eisenbahn so. Das haben sie bei der Elektrizität ganz, ganz stark, und zwar auch wirklich meistens beide Pole: also die Technikangst aber auch die Technikeuphorie. Wobei in der Zeit die Technikeuphorie lustigerweise überwiegt. Und das zieht sich durch.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Januar 2020 | 08:10 Uhr

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