"Kilometer 123" Italienkrimi mit Spannungsgarantie von Erfolgsautor Andrea Camilleri

Andrea Camilleris letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch, "Kilometer 123", ist nun auf Deutsch erschienen. Es offenbart erneut die Meisterschaft des Autors bei der Figurenzeichnung. Camilleri ist einer der meistgelesenen Autoren Italiens und auch einer der beliebtesten: Das liegt nicht nur an seinem Werk, sondern daran, dass er sich einmischte. Als Gegner Silvio Berlusconis oder Matteo Salvinis bezog er Stellung und war eine öffentliche Gestalt. Camilleri war sogar so beliebt, dass er zusammen mit seiner prominentesten Figur, dem Commissario Montalbano, einen Gastauftritt in einem italienischen Mickey-Mouse-Heft hatte. Camilleri starb im Juli 2019 im Alter von 93 Jahren.

Andrea Camilleri
Andrea Camilleri, geboren 1925 auf Sizilien starb am 17. Juli 2019 in Rom Bildrechte: dpa

Kurz bevor der große italienische Autor Andrea Camilleri im Sommer letzten Jahres starb, erschien in Italien sein Kriminalroman "Kilometer 123". Ausnahmsweise ist es kein Fall für Commissario Montalbano, und auch kein Buch, das in Sizilien spielt, wo Camilleri herstammte und das sein Werke prägte. Auch keine Erzählung im herkömmlichen Sinn ist "Kilometer 123" – sondern ein aus Textnachrichten, Telefonaten, Zeitungsausschnitten, Protokollen und Gesprächen zusammengesetztes kriminalistisches Puzzle, das prompt nach Veröffentlichung die italienischen Bestsellerlisten anführte. Vor allem Camilleris großes Talent und Gespür für Dialoge wird hier also ins Rampenlicht gerückt.

Unfall mit Folgen

Andrea Camilleri: Kilometer 123
Das Cover des Buches "Kilometer 123" Bildrechte: Kindler Verlag

"Kilometer 123" beginnt mit einem zunächst harmlos erscheinenden Autounfall. Der Bauunternehmer Giulio Davoli landet auf der Via Aurelia Richtung Rom im Straßengraben. Seine Geliebte Ester versucht verzweifelt, ihn per SMS zu erreichen; Davolis Frau Giuditta wird von einer Krankenschwester benachrichtigt, sie solle seine persönlichen Sachen abholen. So nimmt eine verwickelte Geschichte ihren Lauf, in der es um Eifersucht und Betrug, um geheime Machenschaften und Rache geht. Und um Unfälle, die womöglich gar keine sind.

Corradini hat seine Aussage gegenüber Signor Antonio Presta, dem leitenden Angestellten der Gesellschaft, bei dem das angefahrene Auto versichert ist, im Wesentlichen bestätigt. Er habe den deutlichen Eindruck gehabt, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt habe, sondern um die gezielte Absicht des Fahrers des auffahrenden Autos, den von Davoli gefahrenen Wagen zu rammen.

Aus dem Buch "Kilometer 123" von Andrea Camilleri

Plastische Figuren

Nachdem klar ist, dass es sich um einen Mordversuch handelte, da ein SUV den Unternehmer von der Straße gedrängt hat, nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Die von Camelleri sorgsam zusammengebastelten Schnipsel versorgen uns mit immer mehr kleinen Hinweisen, machen uns mit den Hintergründen der Figuren vertraut und führen uns natürlich zugleich auf falsche Fährten.

Auch in diesem schmalen Buch, das gewiss nicht zu den Meisterwerken Camilleris zählt, blitzt doch seine Fähigkeit auf, uns in raffiniert eingeschmuggelten Details die Figuren plastisch vor Augen zu führen. An winzigen Aussagen lassen sich die Verstrickungen der Figuren nach und nach enträtseln. Und Davoli erscheint lange als das heimliche Zentrum. Krumme Geschäfte und diverse Geliebte – Davoli hat nichts anbrennen lassen. Bis auch ihm alles ein wenig zu brenzlig wird.

Überraschungen inklusive

Natürlich kommt am Ende alles anders, als man denkt. Und das Gefängnis ist noch das geringste, was den Figuren widerfahren kann. Jedenfalls bietet der Plot einige Überraschungen; manchmal blitzt etwas Humoristisches auf wie bei einer Boulevardkomödie – mit schnell wechselnden Szenen und rasanten Wortwechseln, Intrigen und kauzigem Kommissar.

Dass Camilleri übrigens diese spezifische Form gewählt hat, kann als ästhetisches Experiment verstanden werden. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass der Großmeister des historischen und des Kriminalromans zuletzt fast ganz erblindet war. Die überschaubaren kleinen dialogischen Szenen mag er da der Konstruktion eines Erzähltextes vorgezogen haben.

Wer übrigens den Kommissar Montalbano vermisst: Lange vor seinem Tod hatte Camilleri verraten, dass der letzte Band der erfolgreichen Reihe längst geschrieben sei – aber erst nach seinem Ableben veröffentlicht werde. Das große Finale mit Montalbano steht also noch aus.

Luca Zingaretti
Luca Zingaretti spielt in den Commissario-Montalbano-Verfilmungen den Ermittler Bildrechte: imago images / Independent Photo Agency Int.

Der Autor Andrea Camilleri

Andrea Camilleri
Andrea Camilleri Bildrechte: imago images / Independent Photo Agency Int.

Andrea Camilleri wurde 1925 im sizilianischen Porto Empedocle geboren. Er ging als junger Mann nach Rom, fand eine feste Anstellung beim Staatssender RAI, arbeitete als Regisseur und verantwortete im Laufe der Zeit 1.300 Hörfunkproduktionen, 120 Theaterinszenierungen, 80 Fernsehspiele. Als Theaterregisseur brachte er in den 50er-Jahren als erster Samuel Beckett in Italien auf die Bühne und im Fernsehen ließ er Georges Simenons Maigret-Romane verfilmen. Nebenbei lehrte er an der Hochschule der Künste, und seit den späten 70er-Jahren veröffentlichte er auch Romane, meist historische, die in Sizilien spielten. Berühmt wurde er erst spät, da war er bereits in seinen Siebzigern: Mit seinem Romanhelden Montabano schuf er 1994 einen Kommissar, der seinen Siegeszug um die Welt antrat. In mehr als 30 Sprachen wurden seine Kriminalromane übersetzt. Seine anderen Romane schätzte er zwar immer höher ein. Aber in seinen Krimis, die immer auch höchst politisch waren, konnte er gesellschaftliche Themen einschmuggeln, konnte über Themen schreiben, die ihn und die Menschen bewegten. Am 17. Juli 2019 starb Camilleri im Alter von 93 Jahren.

Angaben zum Buch Andrea Camilleri: Kilometer 123
Kriminalroman
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
142 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-463-00010-7
Kindler Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2020 | 07:40 Uhr

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