Boxen | Kampfabend in Hamburg Sebastian Formella im Porträt: Wer ist dieser "Hafen-Basti"?

In Hamburg kennt man Sebastian Formella nicht nur in den Docks des Hafens. Deutschlandweit ist sein Bekanntheitsgrad aber noch ausbaufähig. Wir stellen den IBO-Weltmeister im Weltergewicht vor seiner ersten Titelverteidigung kurz vor.

Der 6. Juli 2019 war der Tag, an dem der Traum von Sebastian Formella in Erfüllung ging. Nach zwölf aufreibenden Runden gegen den Südafrikaner Thulani Mbenge verkündete Ringsprecherlegende Jimmy Lennon Jr. das Ergebnis der Punktrichter. Als dann "the new" über die Lippen von Lennon kam, sprang Formella zunächst wie ein Flummi hoch und runter und sackte dann erst einmal zusammen. Denn mit "the new", also "der Neue", war er gemeint. "Hafen-Basti" – wie Formella auf Grund seines Berufs als Containerbrücken-Fahrer im Hamburger Hafen genannt wird – war der neue Weltmeister im Weltergewicht des Verbandes IBO.

Formella auch bei den Amateuren ein Titelsammler

Seine Profiboxkarriere begann der Hamburger im Jahr 2014. Und von da an ging es steil bergauf. Zwar gab es zwischendurch auch mal einen Niederschlag – etwa im Mai 2017 gegen Denis Krieger –, einen wirklichen Rückschlag musste Formella aber bis heute nicht verkraften. Seine Bilanz ist bei 21 Kämpfen noch makellos. Zehn Mal ging er vorzeitig als Sieger aus dem Ring. Vor seinem Wechsel zu den Profis war Formella auch bei den Amateuren durchaus erfolgreich. 150 Amateur-Kämpfe absolvierte er, wurde mehrfach Hamburger und Norddeutscher Meister. Außerdem hatte er zwischen 2009 und 2014 eine erfolgreiche Zeit beim Nordhäuser SV in Thüringen.

Etwas mehr als fünfeinhalb Jahre nach seinem ersten Profikampf nun also wieder mal eine Premiere – die erste WM-Titelverteidigung. Am Samstag steigt der 32-Jährige zu seiner ersten Titelverteidigung in den Ring. Sein Gegner ist der Nicaraguaner Roberto Arriaza [19 Kämpfe - 18 Siege (14 K.o.) - 1 Niederlage].

Doch für Formella ist alles wie immer. Verändert hat er sich durch den Titelgewinn nicht, ist immer noch der bodenständige Typ, den alle mögen. "Ich hab jetzt den Titel, aber geändert hat sich nichts. Ich bin jetzt nicht abgehoben oder so etwas." Starallüren: Fehlanzeige. Große Träume hat er aber noch: Ein Kampf in den USA, entweder im "Madison Square Garden" in New York oder in Las Vegas. Dazu das Duell gegen WBA-Super-Champion Manny Pacquiao, das wäre etwas.

Der "Tiger" als Vorbild

Eines seiner ersten großen Vorbilder war Dariusz Michalczewski. Wie der "Tiger" kommt auch Formella gebürtig aus Polen, allerdings zog seine Familie nach Hamburg, als er zwei Jahre alt war. Die Verbindung zur Heimat ist bei all seinen Kämpfen präsent: Auf seiner Hose ist neben der deutschen auch die polnische Flagge abgebildet.

"Viele Hände - schnelles Ende"

Für seinen großem Traum muss Formella am Samstag zunächst Arriaza bezwingen. Auf die leichte Schulter nimmt er seinen drei Jahre jüngeren Herausforderer auf keinen Fall, das machte er auf der Pressekonferenz am Dienstag klar. "Mein Gegner ist mit seiner K.o.-Quote nicht zu unterschätzen", so der Champ, der aber gleich nachschob: "Ich bin bestens vorbereitet". Sein Rezept für die erfolgreiche Titelverteidigung: "Viele Hände - schnelles Ende!"

Wer den Hamburger im Ring beobachtet, sieht einen quirligen Boxer, der immer unterwegs ist. Damit will er seine Gegner müde machen, sie oft ins Leere schlagen lassen. Und es passt einfach zum Wesen des grundsympathischen Arbeiters, der sich selbst als "hyperaktiv" bezeichnet und immer in Bewegung sein will. Manchmal auch zum Leidwesen von Freundin Jana-Luisa. Ein ruhiger Couch-Abend ist mit dem Weltmeister nur schwer zu realisieren.

Doppelbelastung durch Arbeit und Boxen

Dass es Formella überhaupt bis zum Weltmeister geschafft hat, ist natürlich auch seiner unglaublichen Disziplin zu verdanken. Spricht man ihn auf die Doppelbelastung durch seinen Hauptjob im Hafen und seine professionelle Boxkarriere an, zuckt er nur kurz mit den Schulter und sagt: "Ich habe mich daran gewöhnt, ich kenne das nicht anders." Auch hier kommt ihm seine übermäßige Energie zu Gute: "Dadurch bekomme ich das gewuppt."

Dennoch bedarf es dabei einer guter Selbstorganisation und die Fähigkeit, auf einige Dinge im Leben verzichten zu können. Das wichtigste aber: Es macht ihm Spaß. In der Vorbereitung auf den anstehenden Kampf hatte er noch bis Silvester gearbeitet und dabei fleißig Überstunden gesammelt. Nach dem Jahreswechsel hatte er aber frei, um am Feinschliff zu arbeiten.

Seine Fans machen die Halle zum "Hexenkessel"

Beim Kampf am Samstag kann "Hafen-Basti" auf jeden Fall auf die Unterstützung seiner zahlreichen Fans bauen. Die etwa 3.000 Zuschauer fassende edel-optics.de-Arena in Hamburg-Wilhelmsburg ist ausverkauft. Drei- bis vierhundert Zuschauer kommen wie der Weltmeister aus dem Hamburger Hafen, sind also seine Kollegen und werden ihn entsprechend nach vorne pushen.

Formella selbst spricht dann in Interviews gerne vom "Hexenkessel" - seine Augen leuchten, wenn er sich an die letzten Kämpfe erinnert. "Es wird auch diesmal wieder eine überragende Stimmung", ist sich Formella sicher. Auch beim öffentlichen Training am Mittwoch war Hochbetrieb. Seine Fans wissen, dass er sich Zeit für sie nimmt und einer von ihnen ist. In Hamburg ist Formella schon ein Star. Zeit, dass auch der Rest der Republik Notiz von diesem tollen Boxer und Menschen nimmt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten - Boxen live | 18. Januar 2020 | 22:30 Uhr

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